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Freitag, 20. März 2015

Die Schriften des Neuen Testaments

Nachdem wir gesehen haben, wie die Schriften des Alten Testaments gesammelt und zur Heiligen Schrift zusammengestellt wurden, wenden wir uns dem Neuen Testament zu.

Merrill C. Tenney sagt hierzu sehr schön: „Das wahre Kriterium für die Kanonizität ist die Inspiration.“ (Tenney, Merrill C., Die Welt des Neuen Testaments, Francke-Buchhandlung Marburg, 1979, S. 436) Was Tenney also sagt, ist Folgendes: Man erkennt die Schriften, die zum Kanon des Neuen Testaments gehören, daran, dass sie von Gottes Geist eingegeben sind.

Für manche Menschen ist diese Antwort noch nicht befriedigend. Deshalb werden wir auch sehen, dass es ganz klare, eindeutige Merkmale gab, an denen entschieden wurde, dass sie zum Kanon gehören sollen. Es ist eben gerade nicht so, dass die Kirche den Kanon geschaffen hat – wie es etwa viele katholische Theologen zu behaupten wagen – sondern im Gegensatz: Der Kanon hat die Kirche geschaffen. Doch welche Kriterien waren es nun, die eine Schrift als „kanonisch“ bezeugten?

1.) Apostolizität
Das wohl wichtigste Kriterium war die Apostolizität. Das bedeutete: Der Autor der Schrift war entweder selbst ein Apostel (einer der direkten Jünger Jesu) oder war diesen sehr gut bekannt, weshalb er sich auf die Apostel berufen konnte. Schauen wir das mal praktisch an: Matthäus, der Autor des nach ihm benannten Evangeliums, Johannes, Autor des vierten Evangeliums, dreier Briefe und der Offenbarung, sowie Petrus, Autor von zwei Briefen, waren direkte Jünger Jesu Christi. Paulus hatte eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus vor Damaskus und blieb Zeit seines Lebens mit den anderen Aposteln im Kontakt. Paulus berichtet in Galater 2, 1 – 10 davon, dass er sich in Jerusalem mit den Aposteln traf, und von ihnen die Bestätigung erhielt, dass seine Botschaft korrekt ist. Der Evangelist Markus begleitete Petrus und schrieb sein Evangelium entsprechend dem, was er von Petrus gehört hatte. Lukas, der sein Evangelium und die Apostelgeschichte schrieb, begleitete Paulus und betrieb dazu eifrig historische Forschung, indem er viele Augenzeugen befragte und aufgrund dieser Schilderungen alles aufschrieb. Jakobus und Judas waren leibliche Halbgeschwister Jesu, sie waren die Kinder von Maria und Josef. Sie kamen nach der Auferstehung Jesu zum Glauben und waren seither wichtige Leiter in der Gemeinde von Jerusalem. Auch sie hatten Jesus in der Zeit seines Dienstes auf der Erde gut gekannt und waren deshalb apostolische Autorität. Das einzige Buch, dessen Verfasserschaft nicht absolut geklärt werden kann, ist der Hebräerbrief. Ob er nun von Paulus, von Apollos oder sonst einer den Aposteln nahestehenden Person geschrieben wurde, lässt sich nicht ganz sicher nachweisen. Dennoch wurde er schon sehr früh weit herum verbreitet gelesen und als kanonische Schrift anerkannt. 
 
2.) Gebrauch
Damit sind wir auch schon beim zweiten Kriterium. Wurden die Schriften von den ersten Gemeinden allgemein anerkannt? Wurden sie in den Gottesdiensten gelesen? Waren sie weit verbreitet? Wie dachten die frühen Kirchenväter darüber? So gab es etwa den sehr frühen 1. Clemensbrief. Das war ein Brief, den von Clemens von Rom an die Gemeinde in Korinth geschrieben wurde. Einzelne frühe Gemeinden haben ihn auch zum NT gezählt – allerdings recht wenige. Clemens gebraucht in diesem Brief im Jahr 95 n. Chr. Den Hebräerbrief, den 1. Korintherbrief, den Römerbrief und das Matthäusevangelium. Bis zum Jahr 170 n. Chr. waren alle Bücher des biblischen Kanons weit verbreitet und wurden sehr häufig gebraucht, um sich gegen die zunehmende Flut an gnostischen und falschen Evangelien, die dann entstanden, zur Wehr zu setzen. Es war also schon lange klar, was zur Bibel, zu Gottes Wort, dazugehört. In der Zeit entstanden die ersten Listen, die sich in den 27 heutigen Büchern des Neuen Testaments größtenteils einig waren. Was die frühe Gemeinde also gemacht hat, war nicht, dass sie den Kanon geschaffen hat, sondern sie hat ihn anerkannt. Sie hat festgestellt, was eh schon lange klar war, und hat das deshalb auch schriftlich festgehalten.

3.) Innere Geschlossenheit
Ein drittes wichtiges Argument, das zur Verwerfung vieler gnostischer Werke führte, war dies, dass man jedes Werk an dem prüfte, was bereits anerkannt war. Deshalb musste alles geprüft werden und die Frage war: Stimmt das mit dem überein, was wir bereits haben? Stimmt es mit der Lehre der Apostel überein? Dient es uns zur geistlichen Erbauung? Stimmt diese neue Lehre mit der bereits bekannten Lehre der Schrift überein?

Das sollte auch heute unsere tägliche Praxis sein. Lasst uns lernen von den frühen Geschwistern von Beröa:

Die Brüder aber schickten sogleich während der Nacht Paulus und Silas nach Beröa, wo sie sich nach ihrer Ankunft in die Synagoge der Juden begaben. Diese aber waren edler gesinnt als die in Thessalonich und nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf; und sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte. Es wurden deshalb viele von ihnen gläubig, auch nicht wenige der angesehenen griechischen Frauen und Männer. (Apostelgeschichte 17, 10 - 12)

Donnerstag, 12. März 2015

Die Schriften des Alten Testaments

Wenn wir vom Alten Testament sprechen, so meinen wir damit die Sammlung der folgenden 39 Bücher:
  • 5 Bücher des Gesetzes (1. - 5. Mose): Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium.
  • 12 Bücher der Geschichte: Josua, Richter, Ruth, 1. und 2. Samuel, 1. und 2. Könige, 1. und 2. Chronik, Esra, Nehemia und Esther.
  • 5 Bücher der Weisheitsliteratur: Hiob, Psalmen, Sprüche, Prediger und Hoheslied.
  • 17 Bücher der Propheten: Jesaja, Jeremia, Klagelieder, Hesekiel, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja und Maleachi.
Diese Bücher zusammen machen das aus, was wir den Kanon des Alten Testaments nennen. Kanon ist ein griechisches Wort und bedeutet ungefähr soviel wie Schilfrohr. Das Schilfrohr wurde damals als Maßstab gebraucht. Deshalb kann der Begriff Kanon ungefähr so definiert werden:
Der Kanon ist die Gesamtmenge der Schriften, die nach eindeutigen Kriterien und Regeln zu einer bestimmten Sammlung dazugezählt werden können.“ (Definition von mir)

Jesus selbst hat den gesamten Kanon immer wieder zitiert. Er nannte die Sammlung „Das Gesetz des Mose, die Propheten und die Psalmen“ (vgl. Lukas 24, 44). Die Bücher der Geschichtsschreibung zählten als vordere Propheten, die oben genannten Propheten als hintere Propheten.

Die Sammlung der Schriften des Alten Testaments begann mit Mose. Die Zehn Worte, die Mose am Sinai bekommen hatte, waren sogar von Gott eigenhändig geschrieben: Und als er mit Mose auf dem Berg Sinai zu Ende geredet hatte, gab er ihm die beiden Tafeln des Zeugnisses, Tafeln aus Stein, beschrieben mit dem Finger Gottes. (2. Mose 31,18) Diese Tafeln mussten in der Bundeslade aufbewahrt werden: Zu jener Zeit sprach der Herr zu mir: Haue dir zwei steinerne Tafeln aus, so wie die ersten waren, und steige zu mir auf den Berg und mache dir eine hölzerne Lade, so will ich auf die Tafeln die Worte schreiben, die auf den ersten Tafeln waren, die du zerbrochen hast, und du sollst sie in die Lade legen! So machte ich eine Lade aus Akazienholz und hieb zwei steinerne Tafeln aus, wie die ersten waren, und stieg auf den Berg, und die zwei Tafeln waren in meinen Händen. Da schrieb er auf die Tafeln entsprechend der ersten Schrift die zehn Worte, die der Herr zu euch auf dem Berg gesprochen hatte, mitten aus dem Feuer, am Tag der Versammlung. Und der Herr gab sie mir. Und ich wandte mich und stieg vom Berg herab; und ich legte die Tafeln in die Lade, die ich gemacht hatte; und sie blieben dort, wie der Herr es mir geboten hatte. (5. Mose 10, 1 - 5)

Dieser Sammlung in der Bundeslade fügte Mose noch weitere Texte hinzu: Als nun Mose damit fertig war, die Worte dieses Gesetzes vollständig in ein Buch zu schreiben, da gebot er den Leviten, welche die Bundeslade des Herrn trugen, und sprach: Nehmt das Buch dieses Gesetzes und legt es neben die Bundeslade des Herrn, eures Gottes, damit es dort ein Zeuge gegen dich sei. Denn ich kenne deinen Ungehorsam und deine Halsstarrigkeit. Siehe, noch [bis] heute, während ich [noch] unter euch lebe, seid ihr ungehorsam gegen den Herrn gewesen; wieviel mehr nach meinem Tod! (5. Mose 31, 24 – 27) Das Buch des Gesetzes sind die 5 Mosebücher, zumindest bis kurz vor seinem Tod. Vermutlich wurden sie nach dem Tod Mose noch vervollständigt, da der Bericht über seinen Tod auch darin enthalten ist. Josua, der Mose als Leiter folgte, fügte weitere Teile hinzu (vgl. Josua 24, 26), ebenso auch einige weitere Könige, Priester und Propheten.

Für Jesus gab es interessanterweise nie eine Diskussion darüber, aus welchen Büchern Gottes Wort besteht. Er diskutierte zwar häufig über die Auslegung des Alten Testaments, aber nie über den Umfang. Das Neue Testament zitiert an hunderten von Stellen Texte aus dem Alten Testament, häufig mit der Einleitung, dass dies Worte Gottes sind, aber nirgendwo gibt es eine Stelle, an der die sogenannten apokryphen Bücher als Gottes Wort zitiert werden. Überhaupt wird nur an einer einzigen Stelle etwas aus den Apokryphen zitiert, und zwar im Judasbrief, wo Judas 14 – 15 das erste Henoch-Buch (60,8 und 1,9) zitiert. Doch ähnlich wie Paulus, der an zwei Stellen heidnische griechische Dichter zitiert (in der Apostelgeschichte 17, 28 und in Titus 1,12), werden diese Stellen nicht gebraucht, um etwas zu beweisen, sondern lediglich als Illustration.

Auch die frühe Kirche hat bis zur Zeit der Reformation die Apokryphen nie als inspirierten Teil der Bibel gesehen – bis zum Konzil von Trient im Jahre 1546. Auch die Kirchenväter haben die Apokryphen äußerst selten zitiert – im Gegensatz zu den kanonischen Büchern des Alten Testaments. Deshalb tun wir gut daran, sie nicht zur Bibel selbst hinzuzuzählen. Sie sind – so meinte bereits Martin Luther – erbaulich zu lesen, aber sie haben auf keinen Fall dieselbe Autorität wie die 39 oben genannten Bücher des Alten Testaments.

Ebenso haben die Apokryphen auch kein inneres Zeugnis, dass sie zu Gottes Wort gehören sollten. Weder haben sie ihren festen Platz innerhalb der Heilsgeschichte, noch behaupten sie von sich selbst, sie seien Gottes Wort – so wie das die Bibel tut.

Wenn man die Diskussion ein wenig zurückverfolgt, kann man auch unter den frühen jüdischen Schriftgelehrten ziemlich deutliche Übereinstimmung finden. Es gab so gut wie gar keine Diskussion darüber, ob die apokryphen Schriften dazuzuzählen seien – die Überzeugung war, dass sie es nicht sind. Vielmehr gab es höchstens ein paar Diskussionen zu den 39 Schriften des Kanons, und auch hier nur in wenigen Fällen. Etwa das Buch Esther (weil dort Gott überhaupt nie erwähnt wird) oder das freizügige Hohelied. Aber auch hier war schon sehr früh – bereits etwa 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung – sehr klar, dass a. Die Apokryphen nicht dazu gehören und b. die 39 Bücher unseres heutigen Alten Testaments die echten, kanonischen Bücher sind, die Gottes Wort sind.

Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. Ihn hat er eingesetzt zum Erben von allem, durch ihn hat er auch die Welten geschaffen; dieser ist die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Ausdruck seines Wesens und trägt alle Dinge durch das Wort seiner Kraft; er hat sich, nachdem er die Reinigung von unseren Sünden durch sich selbst vollbracht hat, zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. (Hebräer 1, 1 - 3)