Freitag, 9. Oktober 2015

Was sagt die Bibel tatsächlich zur Sklaverei?

Kurzfassung: In Diskussionen hört man häufig das Argument, dass die Bibel Sklaverei gutheiße und sie deshalb unglaubwürdig sei, weil demnach das Ethos des aufgeklärten Menschen über jenem der Bibel stehe. Ich werde zunächst zeigen, dass die Bibel in manchen Fällen unter Sklaverei etwas ganz anderes versteht als unsere Gesellschaft und deshalb dieser Vergleich nicht standzuhalten vermag. Zweitens werde ich belegen, dass die heute gängige Vorstellung von Sklaverei vom Gott des Alten und Neuen Testaments abgelehnt und verboten wird.

Einleitung
Wenn wir heute von der Sklaverei sprechen, so denken wir zumeist an die afrikanischen Sklaven, die rechtlos in den Südstaaten Amerikas zum Arbeiten gezwungen ausgebeutet wurden. Wir kennen das Schicksal dieser Menschen, weil es uns in Biographien und Romanen beschrieben wird.
Ein solches Schicksal war auch im frühen Nahen Osten keine Seltenheit. Israel hatte eine Vergangenheit als Sklavenvolk in Ägypten, die ähnlich aussah. Sie waren rechtlos, hatten von früh bis spät zu arbeiten, bis der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs endlich Mose sandte, um das Volk aus dieser Lage zu befreien. Während die Sklavenhaltung im ganzen Nahen Osten ein Recht der Bevölkerung war, gab es in Israel ein Verbot, Menschen zu versklaven: „Wer einen Menschen raubt, sei es, dass er ihn verkauft oder dass man ihn noch in seiner Hand findet, der soll unbedingt sterben.“ (2. Mose 21,16) Dieses Verbot, das an wichtiger Stelle steht, nämlich direkt im Kapitel nach den Zehn Geboten, besagt, dass es den Israeliten verboten war, irgend einen Menschen unfreiwillig zum Sklaven zu machen. Sklaverei wie man sie im antiken Ägypten, Griechenland und Rom, oder auch im Süden der USA fand, war damit eindeutig als Menschenraub klassifiziert und ausdrücklich verboten.
Noch etwas krasser ist ein zweites Gebot, das im 5. Mosebuch steht: „Du sollst den Knecht, der sich von seinem Herrn weg zu dir gerettet hat, seinem Herrn nicht ausliefern. Er soll bei dir wohnen, in deiner Mitte, an dem Ort, den er erwählt in einem deiner Tore, wo es ihm gefällt, und du sollst ihn nicht bedrücken.“ (5. Mose 23, 16-17) Hier geht es um den Fall, dass ein Sklave von zu Hause weggelaufen ist. Er darf sich den Ort, wo er wohnen möchte, selbst aussuchen und weder seinem früheren Herrn ausgeliefert noch anderweitig unterdrückt werden.
Welch ein Unterschied zur Umwelt des Alten Orients. Dort war ein Sklave der Besitz des Sklavenhalters und durfte nach dessen Belieben misshandelt oder auch getötet werden. In Israel war auch ein Sklave ein Mensch mit eigener Würde, der sich seinen Herrn mehr oder weniger freiwillig selbst aussuchen konnte und im Zweifelsfall auch das Recht hatte, diesen zu wechseln.

Biblisch-Theologische Betrachtung
Gott hat den Menschen nach Seinem Bild geschaffen. Das verleiht jedem Menschen seine Würde und das Recht auf Leben und größtmögliche Freiheit. Der Mensch hat den Auftrag bekommen, die Erde zu bebauen, bevölkern, untersuchen, sich auszubreiten, Kultur zu schaffen.
Israel hatte schon früh eine schlechte Erfahrung in der Sklaverei gemacht. Ägypten war ihnen zum Verhängnis geworden, unterdrückten sie und zwangen sie zur Arbeit. Auf ihr Gebet und Schreien hin sandte Gott Mose als Befreier, der sie nach langem Hin und Her aus Ägypten in die Freiheit und das eigene Land – Israel – führte. Aus diesem Hintergrund muss die Diskussion um die Sklaverei betrachtet werden, damit sie verstanden werden kann.
Das Land sollte durch Josua ausgeteilt werden. Jede Familie bekam – entsprechend ihrer Größe – ein Stück des Landes, das sie in eigenständiger und verantwortlicher Weise bebauen und pflegen sollten. Eigenverantwortlichkeit bedeutet aber auch, dass es die Möglichkeit gibt, Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen und den Gewalten der Natur ausgeliefert zu sein.
Deshalb gab es in Israel gleich von Beginn an eine Reihe von Gesetzen, die in einem solchen Fall das Zusammenleben und Überleben der Familien sichern sollte. Wenn eine Familie unter diesen Bedingungen in Schulden kam, konnte sie ihr Land für maximal 49 Jahre verpfänden und zusätzlich auch sich selbst für maximal sechs Jahre als Sklaven „vermieten“.
Nach 49 Jahren ging das Land automatisch wieder in den Besitz der ursprünglichen Familie über und die Schuldsklaven durften nach sechs Jahren wieder freikommen oder sich freiwillig für den Rest ihres Lebens verpflichten, ihrem Herrn als Sklaven weiter zu dienen. Wer sein Land noch nicht zurückbekommen hatte, konnte wohl kaum viel anderes machen als entweder bei seinem Herrn zu bleiben oder einen anderen Arbeitgeber zu suchen.
Hier greifen auch die Gesetze, die für die Sklaven in Israel galten. Der Sklavenhalter sollte mit seinen Sklaven gut umgehen, sodass sie gerne bei ihm blieben. Wenn sie unterdrückt wurden, durften sie fliehen und an einem anderen Ort einen anderen Herrn suchen, der besser für sie sorgte.
Wir sehen also, dass die Begriffe „Sklave“ und „Sklave sein“ in Israel viel weniger mit der Unterdrückung zu tun hatte als einfach mit Arbeit, die unter der Leitung und Autorität eines Anderen ausgeführt wurde.
So lässt sich auch besser verstehen, dass die weisen Männer dem König Rehabeam empfahlen: „Sie aber antworteten ihm so: Wenn du heute diesem Volk ein Knecht wirst und ihm dienst und auf es hörst und zu ihm gute Worte sprichst, so werden sie deine Knechte sein dein Leben lang!“ (1. Kön. 12,7) Hier soll sogar der König zum „Sklaven“ seines Volkes werden. Sie hatten Rehabeam gebeten, nicht so streng zu herrschen wie sein Vater, doch er schlug den Rat in den Wind.
Hiob zeigt uns, dass er verstanden hatte, dass der Sklave dieselbe Menschenwürde hat wie er selbst auch: „Wenn ich meinem Knecht oder meiner Magd das Recht verweigert hätte, als sie einen Rechtsstreit gegen mich hatten, was wollte ich tun, wenn Gott gegen mich aufträte; und wenn er mich zur Rede stellte, was wollte ich ihm antworten? Hat nicht der, der mich im Mutterleib bereitete, auch ihn gemacht? Hat nicht ein und derselbe uns im Mutterleib gebildet?“ (Hiob 31, 13 – 15)
Wenn man dies alles in Betracht zieht, so ergibt sich ein anderes Bild von dem, was die Bibel unter Sklaverei versteht. Dass Menschen unter der Autorität anderer Menschen arbeiten müssen, ist nicht optimal; es ist eine Folge des Sündenfalls, dass es falsche Entscheidungen und Naturkatastrophen gibt. Aber es gibt auch heute viele Menschen, die froh sind, dass sie nicht gänzlich selbständig arbeiten müssen, sondern eine geregelte Arbeit in einem geführten Unternehmen haben. Das gibt ihnen Sicherheit und auch eine Art der Freiheit.

Sklaverei im Neuen Testament
Bereits Hiob hatte entdeckt, dass ihn, den Reichen, den Freien, gar nicht so viel von einem Sklaven unterscheidet. Viel deutlicher wird das noch im Neuen Testament. Jesus Christus ist mit einer Botschaft für die Unterdrückten gekommen: „»Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, daß sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen, um zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn.« Und er rollte die Buchrolle zusammen und gab sie dem Diener wieder und setzte sich, und aller Augen in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Er aber fing an, ihnen zu sagen: Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ (Lukas 4, 18 – 21)
In der Gemeinde wurden die Menschen zu Geschwistern im Glauben. So konnte Paulus an die Galater schreiben: „Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Lehrmeister; denn ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus; denn ihr alle, die ihr in Christus hinein getauft seid, ihr habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ (Galater 3, 25 – 28) Natürlich gibt es auch heute noch Männer und Frauen, natürlich gibt es auch heute noch Juden und Nichtjuden, aber alle, die von Gott wiedergeboren wurden, sind Teil einer neuen Familie geworden, der Gemeinde.
Eine besondere Stellung nimmt hier auch der Brief von Paulus an Philemon ein. Paulus schrieb den Brief aus der Gefangenschaft in Rom an seinen Freund Philemon, weil der Sklave von Philemon, der Onesimus hieß, von Philemon weggelaufen war und nach Rom zu Paulus gekommen war. Paulus schickte nun den Onesimus wieder zu Philemon nach Hause und gab ihm einen Geleitbrief mit. Oft wirft man Paulus vor, er habe die Sklaverei befürwortet, weil er Onesimus zurückschickte. Wer aber den Brief liest, wird bald eines Besseren belehrt. Paulus schreibt ihm:
Ich bitte dich für mein Kind, das ich in meinen Fesseln gezeugt habe, Onesimus, der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist. Ich sende ihn hiermit zurück; du aber nimm ihn auf wie mein eigenes Herz! Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln, die ich um des Evangeliums willen trage; aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht gleichsam erzwungen, sondern freiwillig sei. Denn vielleicht ist er darum auf eine kurze Zeit von dir getrennt worden, damit du ihn auf ewig besitzen sollst, nicht mehr als einen Sklaven, sondern, was besser ist als ein Sklave, als einen geliebten Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im Fleisch als auch im Herrn. Wenn du mich nun für einen hältst, der Gemeinschaft mit dir hat, so nimm ihn auf wie mich selbst.“ (Philemon 10 – 17)
Paulus macht seinem Freund Philemon klar, dass das Leben als Christ einen Unterschied machen soll. Deshalb soll er seinen frischgewonnenen Bruder Onesimus freilassen und wird in ihm bestimmt jemanden finden, der ihm noch länger (freiwillig) dienen wird. Paulus bezeichnete sich selbst an mehreren Stellen als ein „Sklave Christi“. Damit stellte er sich zum Einen in die lange Traditionslinien der Könige und Propheten im Alten Testament, die als Sklaven JHWHs bezeichnet wurden, zugleich zeigt er aber auch, dass das Leben als Christ mit einem deutlichen Bruch in der Biographie zu tun hat. Zugleich bedeutete der Eintritt in die Sklaverei jedoch den sozialen Tod. Wer „freiwillig“ zum Sklaven wurde, tat dies somit nicht ganz freiwillig. Vielmehr war es die Bereitschaft, den sozialen Tod auf sich zu nehmen, um dadurch dem körperlichen (Hunger-)Tod zu entgehen. In derselben Weise ist der Christ ein Sklave Christi geworden. Er ist bereit, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, zu sterben, um dem ewigen, dem zweiten Tod zu entgehen und mit Christus zu auferstehen. Dies ist die symbolische Bedeutung, die Paulus der Taufe gibt: „Was wollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde? Das sei ferne! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben? Oder wißt ihr nicht, daß wir alle, die wir in Christus Jesus hinein getauft sind, in seinen Tod getauft sind? Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe in den Tod, damit, gleichwie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters aus den Toten auferweckt worden ist, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm einsgemacht und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein; wir wissen ja dieses, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Wirksamkeit gesetzt sei, so daß wir der Sünde nicht mehr dienen; denn wer gestorben ist, der ist von der Sünde freigesprochen. Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, daß Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn.“ (Römer 6, 1 – 9) Im selben Kapitel fährt er fort und zieht die Parallele zur Sklaverei: „Wißt ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven hingebt, um ihm zu gehorchen, dessen Sklaven seid ihr und müßt ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Gott aber sei Dank, daß ihr Sklaven der Sünde gewesen, nun aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Vorbild der Lehre, das euch überliefert worden ist.“ (Römer 6, 16 – 17)
Doch dann stellte sich mit der Zeit auch die Frage: Was empfehlen wir einem gläubigen Sklaven, der einem ungläubigen Sklavenbesitzer gehört? In der Gemeinde ist er zu einem gleichwertigen Bruder geworden, aber bei seinem Besitzer gilt das nichts. Soll er gegen den Besitzer rebellieren? Soll er davonlaufen? Im römischen Reich galt ja das Gesetz von Israel nichts mehr; ein davongelaufener Sklave war vogelfrei, er hatte sein Leben verwirkt. Außerdem wäre der Rat zum Davonlaufen oder Rebellieren bald bekannt geworden und hätte ein weiteres Argument gegen das eh schon verhasste und verfolgte Christentum geliefert. So empfahl Petrus diesen Sklaven: „Ihr Hausknechte, ordnet euch in aller Furcht euren Herren unter, nicht nur den guten und milden, sondern auch den verkehrten! Denn das ist Gnade, wenn jemand aus Gewissenhaftigkeit gegenüber Gott Kränkungen erträgt, indem er zu Unrecht leidet. Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr geduldig Schläge ertragt, weil ihr gesündigt habt? Wenn ihr aber für Gutestun leidet und es geduldig ertragt, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.“ (1. Petrus 2, 18 – 21) Weil diese Sklaven die lebensverändernde Kraft der Gnade Gottes erlebt hatten, bekamen sie dadurch azch die Kraft, an ihrem Platz als römische Haussklaven für ihren Herrn Jesus zu leiden. Das war ein größeres und besseres Zeugnis für den Glauben. Wie wäre es, wenn wir uns für heute von dieser Mentalität auch ein gutes Stück abschneiden würden?

Abschließende Gedanken
Wir haben gesehen, dass die Bibel verschiedene Vorstellungen mit dem Begriff Sklaverei verbindet. Einerseits gibt es da tatsächlich die Sklaverei, wie sie in Ägypten, Babylon, Griechenland oder Rom praktiziert wurde. Gerade die eigene Erfahrung als ägyptisches Sklavenvolk dient zur Grundlage für die Gesetze, die dazu führen sollen, dass die „Chefs“ mit ihren Sklaven so gut umgehen, dass sie ihnen gerne freiwillig dienen.
Im Neuen Testament zeigt sich durchgehend die Haltung, dass gläubige Sklavenbesitzer ihre Sklaven mit Würde behandeln und möglichst auch freilassen sollen. Für Sklaven mit ungläubigen Besitzern gilt hingegen, diese durch gute Arbeit und die Kraft der Gnade Jesu von der tatsächlichen Wirksamkeit des Glaubens zu überzeugen. Wo Menschen treu sind und anderen gerne dienen, wird Gottes Liebe, Gnade und Kraft sichtbar.


Sonntag, 28. Juni 2015

Der Gott der Bibel und die Logik

In der kommenden Zeit möchte ich mich hier mit der biblischen Lehre von Gott, also der Gotteslehre oder sogenannten „Allgemeinen Theologie“ beschäftigen. Bevor wir dazu aber näher in die Bibel schauen, wollen wir zunächst fragen, warum es vernünftig ist, an Gott zu glauben. Wir werden dazu eine Reihe von Argumenten für die Existenz Gottes betrachten. Man spricht dabei auch von „Gottesbeweisen“. Dabei werden wir uns mit vielen guten Argumenten befassen, welche zusammen betrachtet sehr stark dafür sprechen, dass der Glaube an Gott vernünftig ist.

Bevor wir die Gesetze der Logik anschauen und diese Argumente untersuchen, möchte ich mal ganz grundlegend nach dem Ursprung der Logik fragen. Ich würde nämlich sagen, dass schon allein die Tatsache, dass so etwas wie die Gesetze der Logik existieren, ein starkes Argument für Gott ist. Ein Gesetz der Logik ist zum Beispiel, dass a nicht zugleich Nicht-a sein kann. Ein Baum kann also nicht gleichzeitig ein Baum und ein Nicht-Baum sein. Dieses Gesetz der Logik ist universal gültig: Es gilt zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder Kultur und in jeder Sprache. Es ist ungefähr so wie ein Naturgesetz. Der Apfel fällt auch überall vom Baum nach unten auf den Boden und fliegt nicht in die Luft. Das hat mit der Schwerkraft zu tun und ist ein Naturgesetz. Dieses Naturgesetz ist auch dort gültig, wo es noch niemand in Worte gefasst hat – es geschieht einfach und kann beobachtet werden. Dasselbe gilt auch für die Gesetze der Logik. Sie sind einfach immer und überall gültig.

Doch irgendwoher muss dieses Gesetz kommen – es muss einen Ursprung haben. Es kann nicht von Menschen erfunden worden sein, denn es ist auch dort gültig, wo gerade kein Mensch ist. Menschen haben es entdeckt, erforscht und formuliert. Aber dass es gültig ist, kommt ja nicht vom Menschen. Also muss es einen intelligenten Gesetzgeber geben, der dieses Gesetz geschaffen hat. Es gibt viele Atheisten, die sehr gut darin sind, die Gesetze der Logik anzuwenden. Viele sind darin besser als ich und viele andere Christen. Aber kein Atheist kann erklären, warum diese Gesetze gültig sind. Er muss auf etwas zurückgreifen, was dieser Gott geschaffen hat, dessen Existenz er zu leugnen versucht.

Aus diesem Grund wird die Argumentation gegen Gott unhaltbar – insbesondere dann, wenn dann der Atheist meint, alles sei nur Materie. Die Gesetze der Logik sind immateriell – sie bestehen nicht aus Atomen oder ähnlichen Stoffen. Und trotzdem sind sie immer und überall gültig. Auch die Mathematik beruht auf diesen Gesetzen. Wenn jemand meint, für ihn sei die Logik nicht gültig, den möchte ich am Bankschalter sehen, wenn er von seinem Bankkonto 50€ abhebt und davon nur 5€ bekommt. Spätestens dann wird auch er sich auf die unsichtbaren Gesetze der Logik berufen. Deshalb muss ein Mensch schon seine fünf Sinne verschließen und dazu die Vernunft ausschalten, um die Existenz eines Gesetzgebers der Gesetze der Logik zu leugnen.

Der Narr spricht in seinem Herzen: »Es gibt keinen Gott!« Sie handeln verderblich und begehen abscheulichen Frevel; da ist keiner, der Gutes tut. Gott schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, um zu sehen, ob es einen Verständigen gibt, einen, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen, allesamt verdorben; es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen einzigen! (Psalm 53, 2 – 4)


Samstag, 18. April 2015

Hinweis: Gefahren und Stil der Apologetik

Ron Kubsch hat auf seinem TheoBlog einen sehr wertvollen Beitrag zur Apologetik (wie man den Glauben erklären und verteidigen kann) verfasst. Er schreibt darüber, welche Gefahren dabei lauern können. Dabei geht es zum Beispiel auch um die Authentizität: 

"Beim Umgang mit unseren ungläubigen Freunden zählt nicht nur das, was wir sagen, sondern auch das, was wir sind und tun. Wenn unser Leben dem, was wir verkündigen, nicht entspricht, dann benehmen wir uns heuchlerisch. Das griechische Wort für Heuchler (griech. hypokrit̄es) bedeutet so viel wie „Schauspieler sein“, jemandem etwas vormachen. Wir alle stehen also erstens in der Gefahr, uns und anderen etwas vorzuspielen. Selbst für Petrus, dem wir den Auftrag zur nicht-geheuchelten Apologetik zu verdanken haben, kämpfte sein Leben lang mit dem Problem der Heuchelei (vgl. Gal 2,11–14). Auch wenn Apologetik denkerische Rechtfertigung ist, soll sie durch einen überzeugenden Lebensstil gedeckt sein (1Petr 3,16). Skeptiker und Kritiker sollen erkennen können, dass Christen ihren Überzeugungen gemäß leben, auch wenn sie dadurch Nachteile in Kauf nehmen müssen (1Petr 3,17)."

Der ganze Beitrag ist sehr lesenswert. Ich möchte ihn jedem Leser von GlaubenVerstehen sehr empfehlen.

Donnerstag, 16. April 2015

Die Lehre von der Bibel als PDF

Ich habe jetzt die Beiträge, die von der Lehre von der Bibel handeln, in einem kleinen PDF zusammengestellt, das hier heruntergeladen werden kann. Die Datei darf gerne verwendet und verlinkt werden, jede Weitergabe muss aber vollständig und unverändert erfolgen.

Inhaltsverzeichnis:
Die Frage nach der letzten Autorität 
Allgemeine Offenbarung: Die Schöpfung
Allgemeine Offenbarung: Das Gewissen
Spezielle Offenbarung: Die Bibel
Spezielle Offenbarung: Jesus Christus
Schöpfungsgeschichten im Vergleich
Heilsgeschichte: Der rote Faden durch die Bibel
Die Frage nach der Inspiration
Die Irrtumslosigkeit der Bibel
Die Schriften des Alten Testaments
Die Schriften des Neuen Testaments
Die Bibel lesen – ja, aber wie?

Montag, 30. März 2015

Die Bibel lesen – ja, aber wie?

Wenn wir Gott beim Wort nehmen wollen, so ist es wichtig, dass wir dieses Sein Wort auch gut kennen. Deshalb möchte ich das Thema Bibellesen ansprechen und dabei einige gute Tipps dazu geben.

Häufig hört man die Frage nach der richtigen Übersetzung. Es ist bei der Bibel wie bei jedem anderen Text so, dass man dasselbe auf verschiedene Arten übersetzen kann. Und bei jeder Übersetzung gibt es gewisse Schwierigkeiten: Wie genau soll sie sich an den Wortlaut halten? Wie frei darf sie sein? Mein Dozent für Bibelgriechisch sagte dazu immer: So genau wie möglich, so frei wie nötig. Das ist ein guter Grundsatz, aber auch er enthält wieder einen subjektiven Spielraum. Ich denke der wichtigste Grundsatz sollte der sein: Eine gelesene Bibel ist immer besser als eine, die verstaubt.

Häufig ist es noch besser, wenn man mehrere Übersetzungen verwendet. Seit meiner Zeit als Teenie habe ich mir angewöhnt, die Bibel jedes Jahr von vorne nach hinten zu lesen. Dabei habe ich etwa alle zwei Jahre die Übersetzung gewechselt. Zuerst eine Hoffnung für Alle, dann eine Luther1984, dann die Neue Elberfelder, dann kamen auch noch die hebräischen und griechischen Ausgaben der Bibel dazu, und seit mehreren Jahren bin ich jetzt bei der Schlachter2000 gelandet. Es macht Sinn, zuerst mit einer einfachen und damit nicht so ganz genauen Übersetzung anzufangen. So kann man das Niveau steigern und sich langsam an die wörtlicheren herantasten. Ebenfalls kann ich für den Einstieg die Gute Nachricht oder die Neue evangelistische Übersetzung empfehlen.

Wichtig ist, dass wir einen Termin haben, um die Bibel zu lesen. Eine feste Uhrzeit, bei mir ist das am besten am frühen Morgen gleich nach dem Aufwachen. Dann habe ich eine ganz wichtige Audienz beim König der Könige. Natürlich kann ich auch den ganzen Tag noch mit was anderem kommen, aber dieser eine Termin, der ist fix. Da darf mir nichts anderes dazwischen kommen, weil es nichts Wichtigeres gibt. Meine Erfahrung ist, dass es ohne einen solchen Termin einfach ständig hinausgeschoben wird und am Ende im Nirvana versandet. Aber wenn ich fähig sein soll, einen ganzen Tag in dieser Welt zu überstehen, dann brauche ich meine Supernahrung, meinen Zaubertrank. Es fängt also mit der Planung an. Ohne Planung geht es nicht.

Und dann kommt noch die Frage, wie man liest. Ich persönlich lese gern nach Plan. Dann muss ich mich nicht erst mit der Frage herumplagen „was ist denn heute dran“, sondern ich weiß einfach, dass genau das dran ist, was laut Plan eben heute dran ist. Bis Ende 2013 habe ich so jedes Jahr mit einem Jahresplan gelesen. Wenn man jeden Tag 3 – 4 Kapitel liest, so ist man in einem Jahr durch. Das ist eine sehr wertvolle Erfahrung. So lässt sich auch leichter zusehen, dass man eben alles liest und nicht nur ständig wieder dieselben Rosinen herauspickt. Hier gibt es eine ganze Auswahl von verschiedenen Bibelleseplänen. Seit dem letzten Sommer habe ich etwas Neues versucht: Jedes Buch der Bibel 20x am Stück lesen. Hier habe ich mehr dazu geschrieben.

Wir tun gut daran, das Lesen mit Gebet zu beginnen. Da bitten wir Gott darum, unser Herz für das vorzubereiten, was wir lesen werden. Wir tun es auch deshalb, weil wir wissen, dass Derselbe, welcher der eigentliche Hauptautor der Bibel ist, uns die Augen für den Inhalt öffnen kann. Genial ist: Der Inhalt der Bibel ist so tief, dass wir auch nach dem zweihundertsten Mal Lesen noch immer Neues entdecken können. Das ermutigt mich immer wieder, weiterzumachen und noch tiefer zu graben.

Mit dem Lesen ist es aber nicht vorbei. Gottes Wort will nicht nur gelesen werden, Gott will unsere Antwort auf das Gelesene. Er spricht zu uns ganz persönlich – mit jedem einzelnen Vers, den wir in Seinem Wort lesen. Wir dürfen über das Gelesene nachdenken und es für uns ganz persönlich nehmen. Ideal ist, wenn wir Gottes Wort Fragen stellen:

-Wer hat das gesagt?
-Zu wem hat er es gesagt?
-Was ist sein Ziel mit den Worten?
-Warum sagt er es genau so und nicht etwa ganz anders?
-Wie passt die Stelle, die ich grad lese, in das Kapitel und das Kapitel ins ganze Buch?

Nach diesen grundlegenden Fragen kommen im zweiten Schritt persönliche Fragen:
-Welche Situation kenne ich, die mit der gelesenen Stelle vergleichbar wäre?
-Wie hätte ich an der Stelle der Person gehandelt?
-Was wäre der richtige – von Gott gewollte – Umgang mit der Situation gewesen?
-Was kann ich machen, um mich bei der nächsten vergleichbaren Situation an das Gelesene zu erinnern?

Wenn wir den ersten Schritt überspringen und sofort nur nach der persönlichen Bedeutung fragen, dann haben wir ein Problem, nämlich dasjenige, dass wir ganz an Gott vorbei gehen. Zuerst müssen wir wissen, was damals passiert ist und in welcher Zeit es geschah, und erst dann können wir danach fragen, was Gottes Wort für unser Leben zu sagen hat.

Und auch damit ist der Prozess von Gottes Wort noch nicht abgeschlossen. Wir haben jetzt zwar verstanden, worum es geht, aber jetzt wird es richtig praktisch. Jetzt geht es nämlich darum, ein neues Verhalten zu lernen. Wir haben gesehen, in welcher Situation wir wie handeln sollten. Wir haben aber auch gesehen, dass wir häufig an dem vorbeileben, wie es eigentlich sein sollte. Jetzt kommt aber noch was ins Spiel. Jetzt bin ich nämlich mit meiner Sündhaftigkeit konfrontiert. Ich tue Dinge, die Gott nicht gefallen. Ich sündige. Ich brauche Vergebung. Ich bekenne Gott meine Sünden, und deshalb darf ich wissen, dass sie mir vergeben sind. Wo Gottes Wort zu uns spricht, da spricht es uns immer zuerst schuldig. Nicht nur einmal im Jahr. Nicht nur, wenn ein Evangelist predigt. Sondern immer, wenn wir es lesen. Es spricht uns schuldig. Es verlangt, dass wir Buße tun. Dass wir unsere Sünden bekennen:
Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, daß Gott Licht ist und in ihm gar keine Finsternis ist. Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und doch in der Finsternis wandeln, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit; wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde. Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. (1. Johannes 1, 5 - 9)

Wenn wir das tun, so dürfen wir wissen: Er hat nicht mit uns gehandelt nach unseren Sünden und uns nicht vergolten nach unseren Missetaten. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so groß ist seine Gnade über denen, die ihn fürchten; so fern der Osten ist vom Westen, hat er unsere Übertretungen von uns entfernt. (Psalm 103, 10 - 12)

So können wir Gottes Wort lesen, uns selbst dabei besser kennenlernen und uns jeden Tag neu das wunderbare Evangelium von Jesus Christus predigen. Und Stück für Stück werden wir sehen, dass wir durch Gottes Gnade verändert werden. Wir werden feststellen, dass es nicht nötig ist, Gottes Wort als Moralin zu nehmen. Gottes Wort ist nicht dazu da, um das Gute, was in uns ist, zu verbessern und zu veredeln. Vom Guten ist nämlich nichts da. Es gibt nichts, was veredelt werden kann. Es kann nur die Sünde ausgerissen, ausgerottet, verbannt, weggeworfen werden. Deshalb dürfen wir jeden Tag Gottes Wort nehmen, lesen, betend darüber nachdenken, uns selbst das Evangelium predigen und uns durch Gottes gnädiges Handeln an uns verändern lassen.

Freitag, 20. März 2015

Die Schriften des Neuen Testaments

Nachdem wir gesehen haben, wie die Schriften des Alten Testaments gesammelt und zur Heiligen Schrift zusammengestellt wurden, wenden wir uns dem Neuen Testament zu.

Merrill C. Tenney sagt hierzu sehr schön: „Das wahre Kriterium für die Kanonizität ist die Inspiration.“ (Tenney, Merrill C., Die Welt des Neuen Testaments, Francke-Buchhandlung Marburg, 1979, S. 436) Was Tenney also sagt, ist Folgendes: Man erkennt die Schriften, die zum Kanon des Neuen Testaments gehören, daran, dass sie von Gottes Geist eingegeben sind.

Für manche Menschen ist diese Antwort noch nicht befriedigend. Deshalb werden wir auch sehen, dass es ganz klare, eindeutige Merkmale gab, an denen entschieden wurde, dass sie zum Kanon gehören sollen. Es ist eben gerade nicht so, dass die Kirche den Kanon geschaffen hat – wie es etwa viele katholische Theologen zu behaupten wagen – sondern im Gegensatz: Der Kanon hat die Kirche geschaffen. Doch welche Kriterien waren es nun, die eine Schrift als „kanonisch“ bezeugten?

1.) Apostolizität
Das wohl wichtigste Kriterium war die Apostolizität. Das bedeutete: Der Autor der Schrift war entweder selbst ein Apostel (einer der direkten Jünger Jesu) oder war diesen sehr gut bekannt, weshalb er sich auf die Apostel berufen konnte. Schauen wir das mal praktisch an: Matthäus, der Autor des nach ihm benannten Evangeliums, Johannes, Autor des vierten Evangeliums, dreier Briefe und der Offenbarung, sowie Petrus, Autor von zwei Briefen, waren direkte Jünger Jesu Christi. Paulus hatte eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus vor Damaskus und blieb Zeit seines Lebens mit den anderen Aposteln im Kontakt. Paulus berichtet in Galater 2, 1 – 10 davon, dass er sich in Jerusalem mit den Aposteln traf, und von ihnen die Bestätigung erhielt, dass seine Botschaft korrekt ist. Der Evangelist Markus begleitete Petrus und schrieb sein Evangelium entsprechend dem, was er von Petrus gehört hatte. Lukas, der sein Evangelium und die Apostelgeschichte schrieb, begleitete Paulus und betrieb dazu eifrig historische Forschung, indem er viele Augenzeugen befragte und aufgrund dieser Schilderungen alles aufschrieb. Jakobus und Judas waren leibliche Halbgeschwister Jesu, sie waren die Kinder von Maria und Josef. Sie kamen nach der Auferstehung Jesu zum Glauben und waren seither wichtige Leiter in der Gemeinde von Jerusalem. Auch sie hatten Jesus in der Zeit seines Dienstes auf der Erde gut gekannt und waren deshalb apostolische Autorität. Das einzige Buch, dessen Verfasserschaft nicht absolut geklärt werden kann, ist der Hebräerbrief. Ob er nun von Paulus, von Apollos oder sonst einer den Aposteln nahestehenden Person geschrieben wurde, lässt sich nicht ganz sicher nachweisen. Dennoch wurde er schon sehr früh weit herum verbreitet gelesen und als kanonische Schrift anerkannt. 
 
2.) Gebrauch
Damit sind wir auch schon beim zweiten Kriterium. Wurden die Schriften von den ersten Gemeinden allgemein anerkannt? Wurden sie in den Gottesdiensten gelesen? Waren sie weit verbreitet? Wie dachten die frühen Kirchenväter darüber? So gab es etwa den sehr frühen 1. Clemensbrief. Das war ein Brief, den von Clemens von Rom an die Gemeinde in Korinth geschrieben wurde. Einzelne frühe Gemeinden haben ihn auch zum NT gezählt – allerdings recht wenige. Clemens gebraucht in diesem Brief im Jahr 95 n. Chr. Den Hebräerbrief, den 1. Korintherbrief, den Römerbrief und das Matthäusevangelium. Bis zum Jahr 170 n. Chr. waren alle Bücher des biblischen Kanons weit verbreitet und wurden sehr häufig gebraucht, um sich gegen die zunehmende Flut an gnostischen und falschen Evangelien, die dann entstanden, zur Wehr zu setzen. Es war also schon lange klar, was zur Bibel, zu Gottes Wort, dazugehört. In der Zeit entstanden die ersten Listen, die sich in den 27 heutigen Büchern des Neuen Testaments größtenteils einig waren. Was die frühe Gemeinde also gemacht hat, war nicht, dass sie den Kanon geschaffen hat, sondern sie hat ihn anerkannt. Sie hat festgestellt, was eh schon lange klar war, und hat das deshalb auch schriftlich festgehalten.

3.) Innere Geschlossenheit
Ein drittes wichtiges Argument, das zur Verwerfung vieler gnostischer Werke führte, war dies, dass man jedes Werk an dem prüfte, was bereits anerkannt war. Deshalb musste alles geprüft werden und die Frage war: Stimmt das mit dem überein, was wir bereits haben? Stimmt es mit der Lehre der Apostel überein? Dient es uns zur geistlichen Erbauung? Stimmt diese neue Lehre mit der bereits bekannten Lehre der Schrift überein?

Das sollte auch heute unsere tägliche Praxis sein. Lasst uns lernen von den frühen Geschwistern von Beröa:

Die Brüder aber schickten sogleich während der Nacht Paulus und Silas nach Beröa, wo sie sich nach ihrer Ankunft in die Synagoge der Juden begaben. Diese aber waren edler gesinnt als die in Thessalonich und nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf; und sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte. Es wurden deshalb viele von ihnen gläubig, auch nicht wenige der angesehenen griechischen Frauen und Männer. (Apostelgeschichte 17, 10 - 12)

Donnerstag, 12. März 2015

Die Schriften des Alten Testaments

Wenn wir vom Alten Testament sprechen, so meinen wir damit die Sammlung der folgenden 39 Bücher:
  • 5 Bücher des Gesetzes (1. - 5. Mose): Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium.
  • 12 Bücher der Geschichte: Josua, Richter, Ruth, 1. und 2. Samuel, 1. und 2. Könige, 1. und 2. Chronik, Esra, Nehemia und Esther.
  • 5 Bücher der Weisheitsliteratur: Hiob, Psalmen, Sprüche, Prediger und Hoheslied.
  • 17 Bücher der Propheten: Jesaja, Jeremia, Klagelieder, Hesekiel, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja und Maleachi.
Diese Bücher zusammen machen das aus, was wir den Kanon des Alten Testaments nennen. Kanon ist ein griechisches Wort und bedeutet ungefähr soviel wie Schilfrohr. Das Schilfrohr wurde damals als Maßstab gebraucht. Deshalb kann der Begriff Kanon ungefähr so definiert werden:
Der Kanon ist die Gesamtmenge der Schriften, die nach eindeutigen Kriterien und Regeln zu einer bestimmten Sammlung dazugezählt werden können.“ (Definition von mir)

Jesus selbst hat den gesamten Kanon immer wieder zitiert. Er nannte die Sammlung „Das Gesetz des Mose, die Propheten und die Psalmen“ (vgl. Lukas 24, 44). Die Bücher der Geschichtsschreibung zählten als vordere Propheten, die oben genannten Propheten als hintere Propheten.

Die Sammlung der Schriften des Alten Testaments begann mit Mose. Die Zehn Worte, die Mose am Sinai bekommen hatte, waren sogar von Gott eigenhändig geschrieben: Und als er mit Mose auf dem Berg Sinai zu Ende geredet hatte, gab er ihm die beiden Tafeln des Zeugnisses, Tafeln aus Stein, beschrieben mit dem Finger Gottes. (2. Mose 31,18) Diese Tafeln mussten in der Bundeslade aufbewahrt werden: Zu jener Zeit sprach der Herr zu mir: Haue dir zwei steinerne Tafeln aus, so wie die ersten waren, und steige zu mir auf den Berg und mache dir eine hölzerne Lade, so will ich auf die Tafeln die Worte schreiben, die auf den ersten Tafeln waren, die du zerbrochen hast, und du sollst sie in die Lade legen! So machte ich eine Lade aus Akazienholz und hieb zwei steinerne Tafeln aus, wie die ersten waren, und stieg auf den Berg, und die zwei Tafeln waren in meinen Händen. Da schrieb er auf die Tafeln entsprechend der ersten Schrift die zehn Worte, die der Herr zu euch auf dem Berg gesprochen hatte, mitten aus dem Feuer, am Tag der Versammlung. Und der Herr gab sie mir. Und ich wandte mich und stieg vom Berg herab; und ich legte die Tafeln in die Lade, die ich gemacht hatte; und sie blieben dort, wie der Herr es mir geboten hatte. (5. Mose 10, 1 - 5)

Dieser Sammlung in der Bundeslade fügte Mose noch weitere Texte hinzu: Als nun Mose damit fertig war, die Worte dieses Gesetzes vollständig in ein Buch zu schreiben, da gebot er den Leviten, welche die Bundeslade des Herrn trugen, und sprach: Nehmt das Buch dieses Gesetzes und legt es neben die Bundeslade des Herrn, eures Gottes, damit es dort ein Zeuge gegen dich sei. Denn ich kenne deinen Ungehorsam und deine Halsstarrigkeit. Siehe, noch [bis] heute, während ich [noch] unter euch lebe, seid ihr ungehorsam gegen den Herrn gewesen; wieviel mehr nach meinem Tod! (5. Mose 31, 24 – 27) Das Buch des Gesetzes sind die 5 Mosebücher, zumindest bis kurz vor seinem Tod. Vermutlich wurden sie nach dem Tod Mose noch vervollständigt, da der Bericht über seinen Tod auch darin enthalten ist. Josua, der Mose als Leiter folgte, fügte weitere Teile hinzu (vgl. Josua 24, 26), ebenso auch einige weitere Könige, Priester und Propheten.

Für Jesus gab es interessanterweise nie eine Diskussion darüber, aus welchen Büchern Gottes Wort besteht. Er diskutierte zwar häufig über die Auslegung des Alten Testaments, aber nie über den Umfang. Das Neue Testament zitiert an hunderten von Stellen Texte aus dem Alten Testament, häufig mit der Einleitung, dass dies Worte Gottes sind, aber nirgendwo gibt es eine Stelle, an der die sogenannten apokryphen Bücher als Gottes Wort zitiert werden. Überhaupt wird nur an einer einzigen Stelle etwas aus den Apokryphen zitiert, und zwar im Judasbrief, wo Judas 14 – 15 das erste Henoch-Buch (60,8 und 1,9) zitiert. Doch ähnlich wie Paulus, der an zwei Stellen heidnische griechische Dichter zitiert (in der Apostelgeschichte 17, 28 und in Titus 1,12), werden diese Stellen nicht gebraucht, um etwas zu beweisen, sondern lediglich als Illustration.

Auch die frühe Kirche hat bis zur Zeit der Reformation die Apokryphen nie als inspirierten Teil der Bibel gesehen – bis zum Konzil von Trient im Jahre 1546. Auch die Kirchenväter haben die Apokryphen äußerst selten zitiert – im Gegensatz zu den kanonischen Büchern des Alten Testaments. Deshalb tun wir gut daran, sie nicht zur Bibel selbst hinzuzuzählen. Sie sind – so meinte bereits Martin Luther – erbaulich zu lesen, aber sie haben auf keinen Fall dieselbe Autorität wie die 39 oben genannten Bücher des Alten Testaments.

Ebenso haben die Apokryphen auch kein inneres Zeugnis, dass sie zu Gottes Wort gehören sollten. Weder haben sie ihren festen Platz innerhalb der Heilsgeschichte, noch behaupten sie von sich selbst, sie seien Gottes Wort – so wie das die Bibel tut.

Wenn man die Diskussion ein wenig zurückverfolgt, kann man auch unter den frühen jüdischen Schriftgelehrten ziemlich deutliche Übereinstimmung finden. Es gab so gut wie gar keine Diskussion darüber, ob die apokryphen Schriften dazuzuzählen seien – die Überzeugung war, dass sie es nicht sind. Vielmehr gab es höchstens ein paar Diskussionen zu den 39 Schriften des Kanons, und auch hier nur in wenigen Fällen. Etwa das Buch Esther (weil dort Gott überhaupt nie erwähnt wird) oder das freizügige Hohelied. Aber auch hier war schon sehr früh – bereits etwa 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung – sehr klar, dass a. Die Apokryphen nicht dazu gehören und b. die 39 Bücher unseres heutigen Alten Testaments die echten, kanonischen Bücher sind, die Gottes Wort sind.

Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. Ihn hat er eingesetzt zum Erben von allem, durch ihn hat er auch die Welten geschaffen; dieser ist die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Ausdruck seines Wesens und trägt alle Dinge durch das Wort seiner Kraft; er hat sich, nachdem er die Reinigung von unseren Sünden durch sich selbst vollbracht hat, zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. (Hebräer 1, 1 - 3)