Sonntag, 27. November 2016

Richard Dawkins und das Problem des Glaub-o-Meters

Im zweiten Kapitel seines Buches „Der Gotteswahn“ stellt Dawkins ein interessantes Tool vor, mit dem er meint, er könne jeden Menschen irgendwo in eine Schublade stecken. Es handelt sich hierbei um ein Werkzeug, das ich mal um der Einfachheit halber als „Glaub-o-Meter“ bezeichnen möchte. Der Glaub-o-Meter versucht, das ganze Spektrum des Glaubens abzudecken. Ich betone bewusst, er versucht. Wir werden gleich auf dessen Probleme zu sprechen kommen.

Zunächst ein paar grundlegende Gedanken. Atheisten, und ganz besonders auch die fundamentalistischen, aggressiv missionarischen Atheisten wie Richard Dawkins, nutzen häufig mehrere Definitionen für das Wort „Glauben“ und switchen während eines Gesprächs oder eines Kapitels im Buch zwischen diesen verschiedenen Definitionen. Das eigentlichere Problem ist seine Weigerung, den Glauben in seinem Buch klar zu definieren. Mal vergleicht er den Glauben mit der Verliebtheit (S. 309), ein andermal muss er ein Lexikon zitieren (den Eintrag für „delusion“, den Teil des Titels, der mit „Wahn“ übersetzt wird) und meint dazu, dass die Definition „dauerhafte falsche Vorstellung, die trotz starker entgegengesetzter Belege aufrechterhalten wird“ (S. 19) eine gute Definition für den Glauben sei. Alles in allem lässt sich sagen, dass er der Definition von Peter Boghossian mit größter Wahrscheinlichkeit zustimmen würde, welcher seinen Jüngern im „Manual for Creating Atheists“ empfiehlt, für das Wort Glauben immer „behaupten, Dinge zu wissen, die man nicht weiß“ einzusetzen.

Kommen wir also zum Glaub-o-Meter: Dawkins versucht hier, wie bereits gesagt, das ganze Spektrum des Glaubens vom Unglauben bis zum Wissen abzudecken. Hierfür will er sieben Abstufungen entdeckt haben:



1. Stark theistisch. Gotteswahrscheinlichkeit 100 Prozent. Oder in den Worten von C. G. Jung : »Ich glaube nicht, ich weiß.«
2. Sehr hohe Wahrscheinlichkeit knapp unter 100 Prozent. Defacto theistisch. »Ich kann es nicht sicher wissen, aber ich glaube fest an Gott und führe mein Leben unter der Annahme, dass es ihn gibt.«
3. Höher als 50 Prozent, aber nicht besonders hoch. Fachsprachlich: agnostisch mit Neigung zum Theismus. »Ich bin unsicher, aber ich neige dazu, an Gott zu glauben.«
4. Genau 50 Prozent. Völlig unparteiischer Agnostizismus. »Gottes Existenz und Nichtexistenz sind genau gleich wahrscheinlich.«
5. Unter 50 Prozent, aber nicht sehr niedrig. Fachsprachlich: agnostisch mit Neigung zum Atheismus. »Ich weiß nicht, ob Gott existiert, aber ich bin eher skeptisch.«
6. Sehr geringe Wahrscheinlichkeit, knapp über null. Defacto atheistisch. »Ich kann es nicht sicher wissen, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Gott existiert,  und führe mein Leben unter der Annahme, dass es ihn nicht gibt.«
7. Stark atheistisch. »Ich weiß, dass es keinen Gott gibt, und bin davon ebenso überzeugt, wie Jung ›weiß‹, dass es ihn gibt.«“ (S. 85f.) 

Sich selbst teilt Dawkins in dieser Liste bei der Nummer 6 ein, bei den de-facto-Atheisten, die sich am Ende immer noch ein Schlupfloch und ein kleines Argument für ihre Toleranz offenhalten wollen.

Wo stehen aber nun Christen? Wenn wir nach den Definitionen von Dawkins gehen wollen, ist überhaupt das ganze biblische Christentum außerhalb dieser Liste anzusiedeln. Obige Liste mag für nichtchristliche Theisten gelten, aber da echte Christen ein biblisches Glaubensverständnis haben, lassen sie sich nicht in eine Schublade, die von Äpfeln bis zu Birnen reicht, einteilen. Und genau da liegt Dawkins' Problem. Er arbeitet häufig über die Grenzen seines Berufes hinaus, was an und für sich nicht verwerflich ist. Aber dann sollte man sich mit den Definitionen und Argumenten beschäftigen, die in diesen Gebieten viel mehr Erfahrung haben. Philosophisch und theologisch arbeitet Dawkins erstaunlich schwach.

In seinem früheren Buch, Das egoistische Gen, liefert Dawkins auch eine Definition für den Glauben. Er schreibt dort: „Ein weiteres Glied des zur Religion gehörigen Memkomplexes heißt Glaube. Dieser bedeutet blindes Vertrauen – Vertrauen ohne Beweise und sogar den Beweisen zum Trotz.“ (S. 305) Diese Definition zeigt, dass er sich im Gebiet der Theologie bewegt, ohne sich überhaupt mit ihr ernsthaft beschäftigen zu wollen. Die Definition stammt von ihm, und es wird wohl sehr wenige Menschen geben, die sich Christen nennen und mit dieser Definition ihres Glaubens einverstanden wären. Der Glaube, so meint Dawkins, ist einfach ein Gedankengebilde, das mehr oder weniger zufällig entstanden ist („Mem“ ist eine Wortneuschöpfung von ihm und bewusst als eine Parallele zum „Gen“ gehalten), sich dann immer raffinierter weiterentwickelt (auch dies als Parallele zum egoistischen Gen, das alles tut, um möglichst viele Generationen zu überleben), aber jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, wo die Vernunft über diese Meme (und die Gene) triumphieren solle.

Interessant ist dabei auch, dass Dawkins immer wieder den Glauben den Gewissheiten gegenüberstellt, welche öffentlich anerkannt und somit unumstößlich gelten. Kein ernsthafter Wissenschaftler käme jemals auf die Idee, dass irgendeine Theorie seines Fachs unumstößlich sei. Im Zeitalter der beiden Relativitätstheorien, der Quantenphysik, der Heisenbergschen Unschärferelation, des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes und der Chaostheorie bleibt am Ende oft mehr Zweifel als Gewissheit. Inzwischen sind alle Theorien Newtons überholt – und doch lernt jeder Schüler immer noch diese falschen Theorien.

Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass Dawkins – besonders im Buch Das egoistische Gen selbst ein Evangelium predigt: Mit einer Schöpfungslehre, einem Sündenfall, einer Heilsgeschichte und nicht zuletzt einer Erlösung. Seine Geschichte beginnt in der Ursuppe, in welcher sich zahlreiche freie Atome befinden, die sich immer wieder zusammensetzen und so verschiedene Aminosäuren bilden. Irgendwann bildet sich durch reinen Zufall auf diese Weise eine Replikatorsubstanz – eine Aminosäure, welche die Eigenschaft besitzt, Kopien ihrer selbst herzustellen. Auf diese Weise sei das Gen entstanden, welches nun versucht, unsterblich zu werden. Es bildet immer komplexere Gestalten, die das Überleben des Erbgutes sichern sollen. So ist der Körper eines jeden Lebewesens aus dieser Sichtweise lediglich als Vehikel der Gene zu sehen.

Im Laufe der Zeit hätten sich diese Genvehikel immer besser an die Bedingungen des Überlebens angepasst und in einem Fall sogar eine Vernunft entwickelt. Diese erlaubt es dem Menschen, zu planen, zu reflektieren, etc. Um das eigene Überleben besser sichern zu können, sei so auch die Religion erfunden worden, weil sich dadurch andere Vehikel kontrollieren und unterdrücken ließen. Doch nun, da sich diese Vernunft immer weiter entwickelt habe, sei sie nun imstande, den Egoismus der Gene zu überwinden. Und darin besteht nun für Dawkins die Erlösung. Der Mensch kann seiner Vernunft gemäß die Herrschaft der Gene und der Meme überwinden.

Was insgesamt aber nicht zu überzeugen vermag, denn wenn wir den Maßstab, den Dawkins an den Glauben anlegt, auch bei seinem Evangelium anlegen, so zeigt sich die Schwäche seines Ansatzes. Letztlich sind dann auch die Vernunft und das Dawkinsche Evangelium nichts anderes als Meme, die im Laufe der Zeit mehr oder weniger zufällig entstanden sind. Es gibt keine letzte Begründung dafür; wer daran glauben will, mag daran glauben. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Mensch sich selbst erlösen kann; was auch immer man als Begründung dafür annimmt. Wenn die Gene und Meme letztgültige Herrschaft über alle Lebewesen ausüben, so könnte man höchstens sagen, dass die Vernunft eine Illusion sei, die von den Genen hervorgerufen werde. Damit bleibt der Mensch jedoch in dieser Illusion gefangen und es gibt keinen Ausweg. Auch hier zeigt sich, dass der Mensch die Erlösung von außen braucht; er braucht einen Erlöser, der ihn aus seiner Selbstbezogenheit rettet.


Donnerstag, 17. November 2016

„Zeugnis geben“ praktisch: Wie bereite ich mich vor?

Im christlichen Jargon spricht man manchmal vom „Zeugnis geben“. Das ist eigentlich ein guter Begriff, aber man muss ihn erst mal erklären. Es geht dabei um Folgendes: Wenn ich Christ bin, dann bedeutet das, dass Jesus mir persönlich begegnet ist. Ich habe etwas erlebt, was mich zur Überzeugung brachte, dass Gott existiert, Jesus für meine Sünden gestorben und auferstanden ist und dass das Auswirkungen auf mein Leben hat. Und nun, wenn jemand anderen Menschen erzählt, wie das in seinem Leben passiert ist, so nennt man diesen Vorgang des Erzählens „Zeugnis geben“.

Petrus schreibt dazu: Seid aber allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, [und zwar] mit Sanftmut und Ehrerbietung; und bewahrt ein gutes Gewissen, damit die, welche euren guten Wandel in Christus verlästern, zuschanden werden in dem, worin sie euch als Übeltäter verleumden mögen. Denn es ist besser, daß ihr für Gutestun leidet, wenn das der Wille Gottes sein sollte, als für Bösestun. (1. Petrus 3, 15b – 17) Wir dürfen uns auf diese Situation vorbereiten. Und diese Vorbereitung ist sehr wertvoll, denn auch die Vorbereitung führt uns dazu, die Größe Gottes zu erkennen und zu sehen, wie mächtig Er ist, um rebellische Sünder zu retten.

Da wir uns in einer schnelllebigen Zeit befinden, sollten wir unser Zeugnis so vorbereiten, dass wir uns kurz fassen können. Länger wird es automatisch; außerdem werden Zuhörer, die genug Zeit haben, auch dazu Fragen stellen. Diese Fragen werden uns ein anderes Mal beschäftigen; dass wir für solche Gespräche und den Gesprächspartner beten, sollte selbstverständlich sein. Am Rande mal noch ein Hinweis: Ernsthafte Fragen brauchen ernsthafte Antworten, und für Fragen, die wir nicht sogleich beantworten können, tun wir gut daran, ein kleines Notizbuch mitzuführen, wo diese Fragen und nach einer Recherche später auch Antworten hineinkommen. Unser Zeugnis soll kurz sein. Ich empfehle dafür maximal drei Minuten zu rechnen. Für mich persönlich halte ich es so, dass ich versuche, mich auf 2,5 Minuten zu beschränken, das heißt, ausgeschrieben beträgt es ungefähr 250 Worte (man rechnet im Durchschnitt beim Sprechen etwa 100 Worte pro Minute).

Gerade wenn man in einer Gemeinde aufgewachsen ist, fällt es nicht leicht, einen Anfang zu finden. Dann tendiert man dazu, bei Adam und Eva oder so ähnlich anzufangen. Daher ist das Aufschreiben in einer Word-Datei mit der Wörter-Zähl-Funktion sehr praktisch. Es wird automatisch länger werden, denn mein Zeugnisgerüst schreibe ich in den Worten auf, wie ich denke. Wie ich es dann im einzelnen Fall präsentiere, ist eine ganz andere Frage und hängt vor allem vom Gegenüber ab. Mein Gerüst enthält die wichtigen Eckpunkte, die ich sagen will, aber worauf ich im gegebenen Fall besonders Wert lege, zeigt sich dann im jeweiligen Moment. Deshalb darf ich beim meinem Gerüst auch einen Wortschatz verwenden, den nicht jeder sofort versteht, solange ich im Stande bin, das in der Praxis in einfache Worte zu übersetzen.

Deshalb hier meine Tipps:
- Schreibe Dein Zeugnis in einem PC-Dokument auf.
- Beschränke Dich auf maximal 250 Worte.
- Lies das mehrmals durch und bete darüber.
- Gebrauche es bei der nächsten möglichen Gelegenheit.
- Lerne aus den kommenden Situationen und versuche Dich noch besser vorzubereiten.
Besser geht immer, aber alles ist besser als es nicht zu versuchen.


Hier noch mein Versuch des Aufschreibens:

Als ein Gastprediger in der Gemeinde zu Besuch war, predigte er über Römer 6,12-13, dass wir unseren Körper und Leben Gott und nicht der Sünde zur Verfügung stellen sollen. Das einzige, woran ich mich erinnern kann, war eine Frage, die er ziemlich am Anfang stellte: Wenn du heute sterben würdest, wo kämst du hin? Diese Frage ließ mich nicht mehr los, denn plötzlich wurde mir klar, dass das Leben kein Spaß ist, sondern höllisch ernst. Im selben Moment sah ich, dass mein Stolz und Hochmut ganz große Hindernisse sind, die mich von der Erlösung abhielten. Ich fühlte mich besser als die meisten anderen Menschen. Doch wie konnte ich ohne diese heimliche Freude über mein Bessersein leben? Konnte ich das opfern? Was würde mir dann noch bleiben in diesem Leben? Gibt es danach noch Freude? Ich schnappte mir zu Hause die Bibel und las für einige Tage nur noch Römerbrief. Von vorne bis hinten. Schätzungsweise zehnmal. Dann war mir klar, wie es aussah: Es gab nur zwei Möglichkeiten, und eine davon war nicht einmal im schlimmsten Traum denkbar. Also nahm ich allen Mut zusammen, den ich in dem Moment noch hatte und gestand meinen totalen Bankrott ein. Ich sah, dass Jesus Christus für mich ganz persönlich gestorben & auferstanden ist, und dass meine Schuld vor Gott so groß war, dass Sein Leben als Bezahlung dafür draufgehen musste. Mein Leben bekam damit einen Sinn: Ich darf für Gott leben und alles für Ihn und meine Mitmenschen tun.


Wie sind Deine Erfahrungen mit dem „Zeugnis geben“? Hast Du dafür noch weitere Tipps?

Donnerstag, 11. August 2016

Das Leben ohne Gott: Moral-los!

Der Narr spricht in seinem Herzen: »Es gibt keinen Gott!« Sie handeln verderblich, und abscheulich ist ihr Tun; da ist keiner, der Gutes tut. Der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, um zu sehen, ob es einen Verständigen gibt, einen, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen, allesamt verdorben; es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen einzigen! (Psalm 14, 1 – 3)

Es gibt zwei anti-theistische Schriftsteller, die mich seit vielen Jahren durch ihre Bücher begleiten. Einer lebt noch, der andere ist seit über 100 Jahren tot. Dieser zweite ist der Philologe und Philosoph Friedrich Nietzsche. Seine Werke lese ich immer wieder und finde sie sehr anregend – wenngleich ich ihm natürlich in vielem widerspreche. Nietzsche war nicht nur Denker, er war auch (und vielleicht in erster Linie) Künstler. Als solcher hatte er reichen Einblick in die Seelenwelt seiner Zeit und war stets auf der Suche nach Worten, die diese möglichst gut wiedergeben.

Regelmäßig wird seine wunderschöne und fesselnde Beschreibung vom „Tod Gottes“ so gedeutet, dass Nietzsche deshalb glücklich gewesen sei, dass Gott endlich tot sei. Im ersten Moment könnte man es ja tatsächlich meinen; gerade wenn man bedenkt, dass Nietzsche sich in vielen Schriften scharf gegen das Christentum ausgesprochen hat. Doch diese Rede vom „Tod Gottes“ war kein Triumph Nietzsches, es war eine Feststellung von etwas, was er als bereits vollzogen betrachtete und nun versuchte, zu erkennen, welche Folgen sich daraus ergaben.

Die Zeit, in der Nietzsche lebte, war eine Zeit der hochfliegenden Gefühle technologischen und wissenschaftlichen Fortschritts. Alles könnte möglich werden – die Wissenschaft wird es richten. Der Mensch war vom Rausche dieser Entdeckungen und Erfindungen wie benebelt. Immer mehr Menschen fragten sich, ob der christliche „Lückenbüßer-Gott“ (der zur damaligen Zeit von vielen Menschen nur noch gebraucht wurde, um das Unerklärliche zu erklären) noch nötig sei. Darwin hatte eine Behauptung aufgestellt, die womöglich zeigen könnte, dass das Leben aus unbelebter Materie entstanden und der Mensch lediglich ein Nachkomme der Affen sein könne.

So hat Nietzsche dieses Gefühl seiner Zeit aufgefangen und im Tode Gottes verarbeitet. Das war für ihn zunächst einfach eine Feststellung: Wir Menschen haben uns so weit in unserem Denken entwickelt, dass wir Gott hinter uns lassen können. Doch was folgt nun daraus? Dies war die eigentliche Frage, der Nietzsche sein Leben lang nachgegangen war. Mit bestechender Klarheit sah Nietzsche, dass die ganze humanistische Moral auf der Grundlage des christlichen Gottesglaubens aufgebaut war. Selbstbeherrschung, Mitleid, Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die ganzen Werte der französischen Revolution waren auf dem Boden des christlichen Glaubens entstanden; man hat lediglich versucht, diese Werte zu säkularisieren. So entstand in Nietzsche die Frage, wie man dieses Vakuum, das entstanden war, füllen könnte. G. K. Chesterton sagte, dass überall, wo man nicht mehr an Gott glauben würde, plötzlich alles geglaubt wird.

Für Nietzsche war klar: Etwas Neues musste her; oder besser gesagt etwas Altes in einem neuen Gewand. Das war die Geburtsstunde des Zarathustra. Um diese Figur Zarathustra herum soll ein neuer Glaube entstehen, welcher viele Elemente des alten Griechentums besitzt. Das war nämlich die größte Zeit für Nietzsche: Das klassische Altertum der Griechen vor Sokrates. Und welches sollten die neuen Werte sein? Nietzsche sprach gern von der „Umwerthung aller Werthe“, das bedeutete, dass alle Werte auf ihre Herkunft und ihren Nutzen untersucht werden sollten. Ins Zentrum stellt er das Dionysische, die Ekstase, das Außer-sich-Sein. Dionysos war bei den Griechen der Gott des Weines, der ekstatischen Freude und der Orgien. Alles, was dies Ekstatische hemmt, ist für Nietzsche etwas Schlechtes und deshalb ein Unwert.

Die Geschichte hat gezeigt, wohin eine gottlose Gesellschaft kommt. Sie wird keineswegs frei, sondern vielmehr wird dort immer der Schwache zum Sklaven des Stärkeren. Das hat übrigens schon Nietzsche vorausgesehen. Für ihn schien es das Normale zu sein. Ein Jahrhundert der Sozialismen brauner und roter Couleur hat die Folgen der Gottlosigkeit in aller Grausamkeit gezeigt. Der Mensch, der auf sich selbst geworfen ist, wird zum Knecht seiner Verderbtheit und ist so schnell zu allem Möglichen bereit, wozu er fähig ist.

Der „Neue Atheismus“ ist eigentlich ein alter Atheismus, der lediglich lange Zeit wusste, wie unglaubwürdig er ist. Das wurde nun vergessen oder besser gesagt verdrängt und kommt nun im Gewand eines neuen Atheismus zum Vorschein. Richard Dawkins etwa, ein wichtiger Protagonist dieses „Neuen Atheismus“, ist der zweite Anti-Theist, den ich sehr gerne lese. Es gibt kaum einen zweiten Wissenschaftler, der so anschaulich erklären kann wie er. Das bewundere ich sehr an ihm.

In einem war aber Nietzsche weiter als Dawkins: Nietzsche wusste, dass die Moral des Humanismus und der französischen Revolution genuin christlich sind. Dawkins hingegen hält diese Moral für etwas, was sich im Zuge der Evolution gebildet haben soll. In seinem ersten wichtigen Buch, dem „Egoistischen Gen“ versucht er die Evolution aus Sicht eines solchen Gens zu beschreiben: Die Gene sind in Konkurrenz miteinander in der Ursuppe, jedes versucht zu überleben, da die Nährstoffe nur für die besten Gene ausreichen. Irgendwann kommen Genreplikatoren (Kopiermaschinen) auf. Dann verbünden sich welche miteinander, um sich gegenseitig das Leben zu verbessern. Am Schluss entwickeln sie das menschliche Bewusstsein, das den Genen ein Schnippchen schlagen kann, weil im Bewusstsein auch so eine Art von Evolution stattfindet. Hier erfindet Dawkins den Begriff der Meme. Ein Mem ist ein bestimmter Gedankenbaustein, der über die Generationen vererbt wird, ein Stück Kultur, das mit der Natur der Gene durchaus im Gegensatz stehen kann. Dawkins hält nun diese Meme dafür verantwortlich, dass sich die Moral in unser Menschsein eingeschlichen hat. Er findet die Moral an sich etwas Gutes, solange sie mit der Vernunft und nicht nur mit der Tradition übereinstimmt.

Und hier fängt gerade das große Problem an: Wer bestimmt nun, was nur Traditionelles und was Vernünftiges ist? Da ist doch Nietzsche viel logischer, der auf den Überlebenskampf in der Tierwelt schaut und diesen als das Normale betrachtet. Ohne Gott gibt es keinen Maßstab, an dem die Vernünftigkeit einer Vernunft ablesbar ist. Keine Skala und keine Maßeinheit für Vernunft oder Unvernunft. Der Mensch auf sich selbst geworfen, ist dazu verdammt, immer nur sich selbst zu sehen, sich immer nur an sich selbst zu freuen wie Narziss im Spiegelbild seiner selbst. Er kann auch seine Mitmenschen immer nur im Bilde seiner selbst sehen, und das entfremdet ihn von jeder anderen Person.

Wie gut ist es doch, zu wissen: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und zuletzt wird er sich über den Staub erheben. (Hiob 19, 25)

Freitag, 8. April 2016

Das Problem des Übels in der Welt

Häufig wird die Existenz des Übels in der Welt als Argument gegen Gott angeführt. Das müssen wir etwas genauer betrachten, denn letzten Endes ist das Böse in der Welt eher ein Argument für als gegen die Existenz Gottes.

Das Argument gegen Gott aus dem Übel der Welt geht ungefähr folgendermaßen:
1. Gott ist ein allmächtiges Wesen, dem somit nichts unmöglich ist.
2. Gott ist gleichzeitig ein gutes Wesen, das nichts Böses in der Welt wollen kann.
3. Es geschieht jede Menge Böses in der Welt.
Deshalb kann Gott nicht existieren.

Es gibt dazu noch ein paar andere Abwandlungen dieses Arguments, zum Beispiel gegen die Allmacht Gottes, also dass das Böse in der Welt ein Beweis dafür sei, dass Gott nicht allmächtig sei oder sich beschränken würde, die Zukunft nicht vorher zu wissen, oder so ähnliches mehr. Ich möchte kurz auf die Prämissen eingehen. Bei der Prämisse 3. gibt es eigentlich nichts zu diskutieren; lediglich festzuhalten, dass jede Feststellung, die etwas gut oder böse nennt, einen absolut gesetzten Maßstab braucht.

Was ist Allmacht?
Die erste Prämisse besagt, dass Gott allmächtig ist. Dazu müssen wir uns aber die Frage stellen, was Allmacht ist. Allmacht ist die unbegrenzte Fähigkeit, alles zu machen, was a) logisch möglich ist und b) dem Charakter des Allmächtigen entspricht. Die Bibel sagt zum Beispiel, dass Gott allmächtig ist und gleichzeitig, dass Gott nicht lügen kann. Das ist kein Widerspruch, es besagt lediglich, dass wir unsere Definition von Allmacht an Gott anpassen müssen und nicht umgekehrt.
Manchmal hört man die Frage: Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht mehr hochheben kann? Das ist so eine Frage, welche die Regeln der Logik übertritt. Ein allmächtiges Wesen, das etwas schafft, was die Allmacht übersteigt, ist ein Widerspruch in sich selbst. Das wäre ungefähr so, wie zu verlangen, dass Deutschland in der gleichen Saison fünf verschiedene Vereine haben soll, die alle zusammen Deutscher Meister im Fußball sind. Meister kann im Fußball jedes Jahr nur ein Verein werden, das ist ein Teil der Definition des Meistertitels, weshalb so lange gespielt werden muss, bis der eine Meister gefunden wurde. Fünf Meistervereine im selben Jahr zu verlangen, ist deshalb total unlogisch und somit auch unmöglich, solange die momentane Definition des Meistertitels beibehalten wird.

Der Mensch: Abbild Gottes in der bestmöglichen Welt
Ich möchte deshalb im folgenden zwei Arbeitshypothesen aufstellen. Beide entstammen der christlichen Weltanschauung und ich meine, dass sie zusammen die beste Erklärung für unsere Welt ist. Wir wollen deshalb für den Anfang einmal davon ausgehen, dass diese zwei Hypothesen wahr sind und sie dann durchdenken und daraus Schlüsse ziehen, um diese am Schluss mit der Realität vergleichen und so beurteilen zu können. Meine erste Hypothese lautet: Der Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen und trägt deshalb einige Wesenszüge Gottes an sich:
Gott ist allwissend – der Mensch ist wissend: mit Verstand ausgestattet, kann planen und sich auf die Zukunft freuen, wenn er etwas geplant hat. Er kann sich über sich selbst viele Gedanken machen, kann philosophieren und über den Sinn des Lebens nachdenken. Er kann sich überlegen, welche Entscheidung in welchem Fall zu den besten Resultaten führen wird.
Gott ist allmächtig – der Mensch ist mächtig: Er ist mit vielen Möglichkeiten ausgestattet, die es ihm erlauben, die überlegten Entscheidungen in Taten umzusetzen und kann somit eine ganze Menge bewirken – zum Guten wie zum Schlechten.
Gott hat Emotionen – der Mensch hat auch Emotionen: Der große Unterschied ist der, dass der Mensch von den Emotionen hin- und hergetrieben wird. Gott kann verschiedene Emotionen zugleich haben: Freude über alles Gute und Schöne und Hass und Zorn gegen alles, was das Gute und Schöne zerstört.
Gott ist kreativ, der Mensch ist auch kreativ: Auch hier gibt es einen qualitativen Unterschied. Gott kann aus dem Nichts Neues hervorbringen; der Mensch kann nur das bereits Geschaffene verändern. Er kann zum Beispiel Kunststoffe herstellen, indem er bestehende Stoffe künstlich verändert, aber er kann keine neuen Atome schaffen.
Gott ist vollkommen frei – der Mensch ist beschränkt auch sehr frei: Was der Mensch nicht kann, ist, sich über die von Gott gesetzten und aufrecht erhaltenen Naturgesetze eigenmächtig hinwegzusetzen, aber er hat innerhalb dieser sehr viel Freiheit, weil er von Gott Verantwortung übertragen bekommen hat. Der Mensch ist für sich selbst und sein Umfeld verantwortlich, soweit seine persönliche Freiheit reicht.
Meine zweite Hypothese lautet, dass wir in der besten aller (logisch) möglichen Welten leben, weil Gott sie so geschaffen hat. Das heißt, dass wir in unserer hiesigen Welt die größten Möglichkeiten haben, gemäß diesem Bild Gottes zu leben. Im Folgenden möchte ich diese zwei Hypothesen an der Realität, in der wir leben, prüfen.

Was ist das Übel in der Welt?
Dazu brauchen wir zunächst einmal Definitionen, die das Böse oder das Übel in der Welt beschreiben. Wir müssen unterscheiden zwischen verschiedenen Arten des Übels. Es kann nämlich sein, dass wir unterschiedlich Dinge als böse betrachten, die man gar nicht so in eine Kategorie zusammenfassen kann. Ich möchte drei Kategorien unterscheiden. Die erste Kategorie betrifft Dinge, die uns manchmal als übel erscheinen, aber tatsächlich nur die logische Folge von guten Dingen sind. Ein Beispiel: Wenn der Fußballverein, den wir mögen, absteigt statt Meister zu werden, dann gefällt es uns nicht. Es scheint uns ein Übel zu sein. Oder wenn es genau dann regnet, wenn wir geplant haben, eine Feier im Garten zu machen, dann scheint das schlecht zu sein. Aber gleichzeitig ist beides gut – aus dem Blickwinkel des anderen Fußballvereins, der Meister wird oder aus dem Blickwinkel des Gartens, der dringend Wasser braucht. Eine zweite Kategorie des Übels betrifft Naturkatastrophen. Flutwellen, Stürme, Dürren und so weiter. Die dritte Kategorie beinhaltet alle von Menschen direkt oder indirekt verursachten Übel.

Was ist echte Verantwortlichkeit?
Gott möchte in diesem Fall, dass wir echte Verantwortung übernehmen müssen. Schauen wir uns das näher an. Eine Entscheidung ist nur dann eine echte Entscheidung, wenn es auch eine Auswahl von Möglichkeiten gibt und wenn die richtige Entscheidung echte gute Zustände hervorrufen, während falsche Entscheidungen echte negative Zustände hervorrufen. Eine Welt, in der es keine Entscheidungen gäbe, könnte der Mensch keine Verantwortung übernehmen und keine all dieser Fähigkeiten einbringen, die dem Bild Gottes entsprechen.
Gott ist ein guter Gott, ein barmherziger Gott, der Mitleid hat. Somit möchte Gott, dass wir diese Eigenschaften kennenlernen und uns auch aneignen sollen. Doch Mitleid gibt es nur in einer Welt, in der es Leid gibt – das Wort Mit-Leid ist daraus abgeleitet. Gott ist ein Gott, der gerne hilft – und wir sollen auch gerne helfen. Doch Hilfe kann nur jemand geben, wenn jemand sie benötigt. Wir sollen Entscheidungen treffen können, die einen echten, handfesten Unterschied machen. Die richtige Entscheidung zu treffen ist etwas Gutes, doch ist es besser, wenn die richtige Entscheidung Mut braucht und uns nicht einfach so von selbst geht. Diese Beispiele lassen sich natürlich beliebig weiter ausbauen und wohl jeder kann sich zusätzliche überlegen.

Und was ist mit dem Tod?
Es gibt ein Übel in der Welt, das alle anderen zu übersteigen scheint: Der Tod. Vielleicht denken wir, etwas Leid ist ja zuweilen schon schön und recht, aber was ist mit dem Tod? Darf ein liebevoller Gott sowas zulassen?
Ich möchte mich dieser Frage von zwei Seiten aus nähern. Wenn es den Tod als Folge einer Entscheidung geben kann, dann haben wir es mit ernsthafteren Entscheidungen zu tun. Eine richtige, das heißt gute, Entscheidung ist wertvoller, wenn sie einen Tod verhindern kann; und wenn es bei der falschen Entscheidung die Möglichkeit des Todes gibt, so ist sie ernsthafter und somit auch wertvoller. Somit ist eine Welt, in welcher die Möglichkeit des Todes existiert, eine ernsthaftere und deshalb auch bessere Welt.
Zugleich ist der Tod aber auch noch etwas anderes. Unter Umständen kann der Tod die Erlösung aus dem Übel des Lebens sein. Der Tod sorgt dafür, dass ein Sadist sein Opfer nur bis zu einer bestimmten Grenze quälen kann. Oder dass Krankheit, Schmerzen und andere Leiden irgendwo ein Ende finden. Somit kann der Tod auch ein Moment der Gnade sein.
Bei all den Gedanken dürfen wir nicht vergessen, dass es nicht Gott ist, der das Übel in der Welt schafft. Er hat lediglich die Möglichkeit dazu gemacht – und der Mensch ist selbst und trotz besseren Wissens da reingelaufen.

Fazit
Somit scheint mir der Fall klar zu sein, dass das Leid in der Welt kein Gegensatz zu einem liebenden, allmächtigen und allwissenden Gott ist. Der Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen, trägt also im Kleinen und Unperfekten viele Züge, die auf Gott als seinen Schöpfer hinweisen und ist in die beste aller logisch möglichen Welten platziert worden, damit er dort verantwortlich, kreativ, vernünftig, und so weiter zu Gottes Ehre leben soll.



Dienstag, 2. Februar 2016

Der Gotteswahn: Einführung

Atheist zu sein, das sei „ein realistisches Ziel, noch dazu ein tapferes, großartiges Ziel“ (S. 11). So beschreibt Richard Dawkins die Motivation, die ihn dazu gebracht habe, sein Buch „Der Gotteswahn“ zu schreiben. Er möchte das Bewusstsein schärfen, dass man als Atheist „ebenso glücklich, ausgeglichen, moralisch und geistig ausgefüllt“ sein könne (ebd.) Auch wünsche er sich, dass es vielen Mit-Atheisten bei ihrem „Coming-Out“ (S. 16) helfen könne. So, als ob ein Atheist wegen seines Atheismus heute unterdrückt würde und deshalb eine Hilfe brauche, um dazu stehen zu können, dass er ein Atheist sei. Zu keiner anderen Zeit war es so leicht und ungefährlich, Atheist zu sein und dazu zu stehen, und dennoch bildet sich unser Autor ein, seine Spezies würde unterdrückt.

Dieses Buch hat mich seit seiner Erscheinung immer wieder beschäftigt. Ich bin jetzt zum vierten Mal dabei, es zu lesen, und möchte diesmal den Prozess des Lesens in einer Blogserie dokumentieren. Warum beschäftigt mich das Buch? Das hat verschiedene Gründe. Zunächst habe ich einen persönlichen Grund. Ich habe nämlich sehr viel Respekt vor Richard Dawkins. Sein erstes Buch „Das egoistische Gen“ ist eines der spannendsten und fesselndsten wissenschaftlichen Bücher. Ich habe es mit viel Gewinn gelesen, was aber noch nichts darüber aussagt, ob der Inhalt überzeugend ist. Aber Dawkins hat eine sehr wertvolle Fähigkeit, komplizierte wissenschaftliche Theorien einfach zu erklären. Das ist etwas sehr Wertvolles, wofür ich Dawkins sehr schätze. Dann gibt es zwei allgemeine Gründe, weshalb ich dieses Buch von Dawkins besprechen möchte. Erstens ist es ein bekanntes Buch, das an vielen Orten empfohlen wird. Auch in Deutschland gibt es Atheisten, die meinen, Christen überzeugen zu müssen, sie hätten einen Hirnwurm. Wer dem widerspricht, bekommt die Empfehlung, dieses Buch zu lesen. Als Zweites möchte ich den Grund nennen, dass Dawkins' Argumente - so falsch viele davon sind - weit verbreitet sind. Es ist eine Gelegenheit, mit ihnen aufzuräumen und sie richtig zu stellen. 

Was Theorien betrifft, so gibt es zu jeder Frage immer eine Vielzahl von möglichen Theorien. Wenn man etwas beobachten kann, gibt es streng genommen unendlich viele mögliche Theorien, von denen sich die meisten aber sehr schnell ausschließen lassen. Wenn ich beobachte, dass ein Apfel vom Baum nach unten fällt, dann könnte ich jetzt auch die Theorie aufstellen, dass der Baum den Apfel nach unten stößt. Oder dass die den Apfel umgebende Luft den Apfel nach unten stößt. Oder dass die Himmelskörper den Apfel abstoßen, sodass der Apfel zur Erde hin fällt. Und so weiter, und so fort. Das sind alles mögliche Theorien, die aber allesamt ziemlich rasch auszuschließen sind.

Wenn man zum Beispiel nach der Beziehung zwischen den Genen eines Lebewesens und dessen gesamtem Körper fragt, gibt es auch verschiedene mögliche Theorien. Einer sagt, dass die Gene es sind, die versuchen, zu überleben, und sich deshalb einen möglichst guten Körper als „Überlebensmaschine“ schaffen. Ein anderer wendet ein, dass die Gene im Grunde genommen Gefangene des Körpers seien. Und so weiter. Das ist eine sehr spannende Frage, und durch diese Frage bin ich auf Dawkins gestoßen. Dawkins ist der Meinung, dass sich jede dieser Fragen, jede Veränderung, jeder Unterschied im Leben durch bestimmte Gesetze der Naturwissenschaft erklären lassen. Er definiert seine eigene Einstellung dazu folgendermaßen:

Ein Atheist oder philosophischer Naturalist in diesem Sinn vertritt also die Ansicht, dass es nichts außerhalb der natürlichen, physikalischen Welt gibt: keine übernatürliche kreative Intelligenz, die hinter dem beobachtbaren Universum lauert, keine Seele, die den Körper überdauert, und keine Wunder außer in dem Sinn, dass es Naturphänomene gibt, die wir noch nicht verstehen. Wenn etwas außerhalb der natürlichen Welt zu liegen scheint, die wir nur unvollkommen begreifen, so hoffen wir darauf, es eines Tages zu verstehen und in den Bereich des Natürlichen einzuschließen. Und wie immer, wenn wir einen Regenbogen entzaubern, wird er dadurch nicht weniger staunenswert.“ (S. 25f)

Er gibt dafür keine Begründung, und zwar weil es auch keine gibt. Das obige Zitat ist eine Beschreibung seiner Weltanschauung, also seiner Brille, durch welche er alles betrachtet, was er um sich herum wahrnehmen kann. Später im Buch wird er versuchen, diese Art, die Welt zu betrachten, etwas besser zu begründen, aber dazu werden wir in einem späteren Blogpost kommen. Seine Definition ist wichtig für uns, weil wir sie brauchen, um zu schauen, wie konsequent er sich tatsächlich daran hält. Deshalb müssen wir immer mal wieder zurückblicken und uns fragen: Ist er da wirklich konsequent? Hält er in seinem Tun und Leben, Forschen und Schreiben tatsächlich radikal an dieser Definition fest?

Im Rest des ersten Kapitels zählt Dawkins verschiedene Beispiele auf, wegen derer er meint, dass Religionen bevorzugt würden. So etwa zum Schluss das Beispiel der Mohammed-Karikaturen, welche danach Christenverfolgung und anderes mehr hervorrief. Das Ziel von Dawkins war, zu zeigen, dass Religionen Gewalt hervorbringen, und deshalb alle Religionen etwas Schlechtes seien. Dann endet er das Kapitel mit den Worten:

Ich werde mich nicht dazu hinreißen lassen, jemanden zu beleidigen, aber ich werde auch keine Samthandschuhe anziehen und die Religion nicht sanfter behandeln, als ich es mit allem anderen tun würde.“ (S. 44)

Nun gut, Herr Dawkins, wer austeilen kann, sollte auch einstecken können!


Freitag, 9. Oktober 2015

Was sagt die Bibel tatsächlich zur Sklaverei?

Kurzfassung: In Diskussionen hört man häufig das Argument, dass die Bibel Sklaverei gutheiße und sie deshalb unglaubwürdig sei, weil demnach das Ethos des aufgeklärten Menschen über jenem der Bibel stehe. Ich werde zunächst zeigen, dass die Bibel in manchen Fällen unter Sklaverei etwas ganz anderes versteht als unsere Gesellschaft und deshalb dieser Vergleich nicht standzuhalten vermag. Zweitens werde ich belegen, dass die heute gängige Vorstellung von Sklaverei vom Gott des Alten und Neuen Testaments abgelehnt und verboten wird.

Einleitung
Wenn wir heute von der Sklaverei sprechen, so denken wir zumeist an die afrikanischen Sklaven, die rechtlos in den Südstaaten Amerikas zum Arbeiten gezwungen ausgebeutet wurden. Wir kennen das Schicksal dieser Menschen, weil es uns in Biographien und Romanen beschrieben wird.
Ein solches Schicksal war auch im frühen Nahen Osten keine Seltenheit. Israel hatte eine Vergangenheit als Sklavenvolk in Ägypten, die ähnlich aussah. Sie waren rechtlos, hatten von früh bis spät zu arbeiten, bis der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs endlich Mose sandte, um das Volk aus dieser Lage zu befreien. Während die Sklavenhaltung im ganzen Nahen Osten ein Recht der Bevölkerung war, gab es in Israel ein Verbot, Menschen zu versklaven: „Wer einen Menschen raubt, sei es, dass er ihn verkauft oder dass man ihn noch in seiner Hand findet, der soll unbedingt sterben.“ (2. Mose 21,16) Dieses Verbot, das an wichtiger Stelle steht, nämlich direkt im Kapitel nach den Zehn Geboten, besagt, dass es den Israeliten verboten war, irgend einen Menschen unfreiwillig zum Sklaven zu machen. Sklaverei wie man sie im antiken Ägypten, Griechenland und Rom, oder auch im Süden der USA fand, war damit eindeutig als Menschenraub klassifiziert und ausdrücklich verboten.
Noch etwas krasser ist ein zweites Gebot, das im 5. Mosebuch steht: „Du sollst den Knecht, der sich von seinem Herrn weg zu dir gerettet hat, seinem Herrn nicht ausliefern. Er soll bei dir wohnen, in deiner Mitte, an dem Ort, den er erwählt in einem deiner Tore, wo es ihm gefällt, und du sollst ihn nicht bedrücken.“ (5. Mose 23, 16-17) Hier geht es um den Fall, dass ein Sklave von zu Hause weggelaufen ist. Er darf sich den Ort, wo er wohnen möchte, selbst aussuchen und weder seinem früheren Herrn ausgeliefert noch anderweitig unterdrückt werden.
Welch ein Unterschied zur Umwelt des Alten Orients. Dort war ein Sklave der Besitz des Sklavenhalters und durfte nach dessen Belieben misshandelt oder auch getötet werden. In Israel war auch ein Sklave ein Mensch mit eigener Würde, der sich seinen Herrn mehr oder weniger freiwillig selbst aussuchen konnte und im Zweifelsfall auch das Recht hatte, diesen zu wechseln.

Biblisch-Theologische Betrachtung
Gott hat den Menschen nach Seinem Bild geschaffen. Das verleiht jedem Menschen seine Würde und das Recht auf Leben und größtmögliche Freiheit. Der Mensch hat den Auftrag bekommen, die Erde zu bebauen, bevölkern, untersuchen, sich auszubreiten, Kultur zu schaffen.
Israel hatte schon früh eine schlechte Erfahrung in der Sklaverei gemacht. Ägypten war ihnen zum Verhängnis geworden, unterdrückten sie und zwangen sie zur Arbeit. Auf ihr Gebet und Schreien hin sandte Gott Mose als Befreier, der sie nach langem Hin und Her aus Ägypten in die Freiheit und das eigene Land – Israel – führte. Aus diesem Hintergrund muss die Diskussion um die Sklaverei betrachtet werden, damit sie verstanden werden kann.
Das Land sollte durch Josua ausgeteilt werden. Jede Familie bekam – entsprechend ihrer Größe – ein Stück des Landes, das sie in eigenständiger und verantwortlicher Weise bebauen und pflegen sollten. Eigenverantwortlichkeit bedeutet aber auch, dass es die Möglichkeit gibt, Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen und den Gewalten der Natur ausgeliefert zu sein.
Deshalb gab es in Israel gleich von Beginn an eine Reihe von Gesetzen, die in einem solchen Fall das Zusammenleben und Überleben der Familien sichern sollte. Wenn eine Familie unter diesen Bedingungen in Schulden kam, konnte sie ihr Land für maximal 49 Jahre verpfänden und zusätzlich auch sich selbst für maximal sechs Jahre als Sklaven „vermieten“.
Nach 49 Jahren ging das Land automatisch wieder in den Besitz der ursprünglichen Familie über und die Schuldsklaven durften nach sechs Jahren wieder freikommen oder sich freiwillig für den Rest ihres Lebens verpflichten, ihrem Herrn als Sklaven weiter zu dienen. Wer sein Land noch nicht zurückbekommen hatte, konnte wohl kaum viel anderes machen als entweder bei seinem Herrn zu bleiben oder einen anderen Arbeitgeber zu suchen.
Hier greifen auch die Gesetze, die für die Sklaven in Israel galten. Der Sklavenhalter sollte mit seinen Sklaven gut umgehen, sodass sie gerne bei ihm blieben. Wenn sie unterdrückt wurden, durften sie fliehen und an einem anderen Ort einen anderen Herrn suchen, der besser für sie sorgte.
Wir sehen also, dass die Begriffe „Sklave“ und „Sklave sein“ in Israel viel weniger mit der Unterdrückung zu tun hatte als einfach mit Arbeit, die unter der Leitung und Autorität eines Anderen ausgeführt wurde.
So lässt sich auch besser verstehen, dass die weisen Männer dem König Rehabeam empfahlen: „Sie aber antworteten ihm so: Wenn du heute diesem Volk ein Knecht wirst und ihm dienst und auf es hörst und zu ihm gute Worte sprichst, so werden sie deine Knechte sein dein Leben lang!“ (1. Kön. 12,7) Hier soll sogar der König zum „Sklaven“ seines Volkes werden. Sie hatten Rehabeam gebeten, nicht so streng zu herrschen wie sein Vater, doch er schlug den Rat in den Wind.
Hiob zeigt uns, dass er verstanden hatte, dass der Sklave dieselbe Menschenwürde hat wie er selbst auch: „Wenn ich meinem Knecht oder meiner Magd das Recht verweigert hätte, als sie einen Rechtsstreit gegen mich hatten, was wollte ich tun, wenn Gott gegen mich aufträte; und wenn er mich zur Rede stellte, was wollte ich ihm antworten? Hat nicht der, der mich im Mutterleib bereitete, auch ihn gemacht? Hat nicht ein und derselbe uns im Mutterleib gebildet?“ (Hiob 31, 13 – 15)
Wenn man dies alles in Betracht zieht, so ergibt sich ein anderes Bild von dem, was die Bibel unter Sklaverei versteht. Dass Menschen unter der Autorität anderer Menschen arbeiten müssen, ist nicht optimal; es ist eine Folge des Sündenfalls, dass es falsche Entscheidungen und Naturkatastrophen gibt. Aber es gibt auch heute viele Menschen, die froh sind, dass sie nicht gänzlich selbständig arbeiten müssen, sondern eine geregelte Arbeit in einem geführten Unternehmen haben. Das gibt ihnen Sicherheit und auch eine Art der Freiheit.

Sklaverei im Neuen Testament
Bereits Hiob hatte entdeckt, dass ihn, den Reichen, den Freien, gar nicht so viel von einem Sklaven unterscheidet. Viel deutlicher wird das noch im Neuen Testament. Jesus Christus ist mit einer Botschaft für die Unterdrückten gekommen: „»Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, daß sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen, um zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn.« Und er rollte die Buchrolle zusammen und gab sie dem Diener wieder und setzte sich, und aller Augen in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Er aber fing an, ihnen zu sagen: Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ (Lukas 4, 18 – 21)
In der Gemeinde wurden die Menschen zu Geschwistern im Glauben. So konnte Paulus an die Galater schreiben: „Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Lehrmeister; denn ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus; denn ihr alle, die ihr in Christus hinein getauft seid, ihr habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ (Galater 3, 25 – 28) Natürlich gibt es auch heute noch Männer und Frauen, natürlich gibt es auch heute noch Juden und Nichtjuden, aber alle, die von Gott wiedergeboren wurden, sind Teil einer neuen Familie geworden, der Gemeinde.
Eine besondere Stellung nimmt hier auch der Brief von Paulus an Philemon ein. Paulus schrieb den Brief aus der Gefangenschaft in Rom an seinen Freund Philemon, weil der Sklave von Philemon, der Onesimus hieß, von Philemon weggelaufen war und nach Rom zu Paulus gekommen war. Paulus schickte nun den Onesimus wieder zu Philemon nach Hause und gab ihm einen Geleitbrief mit. Oft wirft man Paulus vor, er habe die Sklaverei befürwortet, weil er Onesimus zurückschickte. Wer aber den Brief liest, wird bald eines Besseren belehrt. Paulus schreibt ihm:
Ich bitte dich für mein Kind, das ich in meinen Fesseln gezeugt habe, Onesimus, der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist. Ich sende ihn hiermit zurück; du aber nimm ihn auf wie mein eigenes Herz! Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln, die ich um des Evangeliums willen trage; aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht gleichsam erzwungen, sondern freiwillig sei. Denn vielleicht ist er darum auf eine kurze Zeit von dir getrennt worden, damit du ihn auf ewig besitzen sollst, nicht mehr als einen Sklaven, sondern, was besser ist als ein Sklave, als einen geliebten Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im Fleisch als auch im Herrn. Wenn du mich nun für einen hältst, der Gemeinschaft mit dir hat, so nimm ihn auf wie mich selbst.“ (Philemon 10 – 17)
Paulus macht seinem Freund Philemon klar, dass das Leben als Christ einen Unterschied machen soll. Deshalb soll er seinen frischgewonnenen Bruder Onesimus freilassen und wird in ihm bestimmt jemanden finden, der ihm noch länger (freiwillig) dienen wird. Paulus bezeichnete sich selbst an mehreren Stellen als ein „Sklave Christi“. Damit stellte er sich zum Einen in die lange Traditionslinien der Könige und Propheten im Alten Testament, die als Sklaven JHWHs bezeichnet wurden, zugleich zeigt er aber auch, dass das Leben als Christ mit einem deutlichen Bruch in der Biographie zu tun hat. Zugleich bedeutete der Eintritt in die Sklaverei jedoch den sozialen Tod. Wer „freiwillig“ zum Sklaven wurde, tat dies somit nicht ganz freiwillig. Vielmehr war es die Bereitschaft, den sozialen Tod auf sich zu nehmen, um dadurch dem körperlichen (Hunger-)Tod zu entgehen. In derselben Weise ist der Christ ein Sklave Christi geworden. Er ist bereit, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, zu sterben, um dem ewigen, dem zweiten Tod zu entgehen und mit Christus zu auferstehen. Dies ist die symbolische Bedeutung, die Paulus der Taufe gibt: „Was wollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde? Das sei ferne! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben? Oder wißt ihr nicht, daß wir alle, die wir in Christus Jesus hinein getauft sind, in seinen Tod getauft sind? Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe in den Tod, damit, gleichwie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters aus den Toten auferweckt worden ist, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm einsgemacht und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein; wir wissen ja dieses, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Wirksamkeit gesetzt sei, so daß wir der Sünde nicht mehr dienen; denn wer gestorben ist, der ist von der Sünde freigesprochen. Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, daß Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn.“ (Römer 6, 1 – 9) Im selben Kapitel fährt er fort und zieht die Parallele zur Sklaverei: „Wißt ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven hingebt, um ihm zu gehorchen, dessen Sklaven seid ihr und müßt ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Gott aber sei Dank, daß ihr Sklaven der Sünde gewesen, nun aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Vorbild der Lehre, das euch überliefert worden ist.“ (Römer 6, 16 – 17)
Doch dann stellte sich mit der Zeit auch die Frage: Was empfehlen wir einem gläubigen Sklaven, der einem ungläubigen Sklavenbesitzer gehört? In der Gemeinde ist er zu einem gleichwertigen Bruder geworden, aber bei seinem Besitzer gilt das nichts. Soll er gegen den Besitzer rebellieren? Soll er davonlaufen? Im römischen Reich galt ja das Gesetz von Israel nichts mehr; ein davongelaufener Sklave war vogelfrei, er hatte sein Leben verwirkt. Außerdem wäre der Rat zum Davonlaufen oder Rebellieren bald bekannt geworden und hätte ein weiteres Argument gegen das eh schon verhasste und verfolgte Christentum geliefert. So empfahl Petrus diesen Sklaven: „Ihr Hausknechte, ordnet euch in aller Furcht euren Herren unter, nicht nur den guten und milden, sondern auch den verkehrten! Denn das ist Gnade, wenn jemand aus Gewissenhaftigkeit gegenüber Gott Kränkungen erträgt, indem er zu Unrecht leidet. Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr geduldig Schläge ertragt, weil ihr gesündigt habt? Wenn ihr aber für Gutestun leidet und es geduldig ertragt, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.“ (1. Petrus 2, 18 – 21) Weil diese Sklaven die lebensverändernde Kraft der Gnade Gottes erlebt hatten, bekamen sie dadurch azch die Kraft, an ihrem Platz als römische Haussklaven für ihren Herrn Jesus zu leiden. Das war ein größeres und besseres Zeugnis für den Glauben. Wie wäre es, wenn wir uns für heute von dieser Mentalität auch ein gutes Stück abschneiden würden?

Abschließende Gedanken
Wir haben gesehen, dass die Bibel verschiedene Vorstellungen mit dem Begriff Sklaverei verbindet. Einerseits gibt es da tatsächlich die Sklaverei, wie sie in Ägypten, Babylon, Griechenland oder Rom praktiziert wurde. Gerade die eigene Erfahrung als ägyptisches Sklavenvolk dient zur Grundlage für die Gesetze, die dazu führen sollen, dass die „Chefs“ mit ihren Sklaven so gut umgehen, dass sie ihnen gerne freiwillig dienen.
Im Neuen Testament zeigt sich durchgehend die Haltung, dass gläubige Sklavenbesitzer ihre Sklaven mit Würde behandeln und möglichst auch freilassen sollen. Für Sklaven mit ungläubigen Besitzern gilt hingegen, diese durch gute Arbeit und die Kraft der Gnade Jesu von der tatsächlichen Wirksamkeit des Glaubens zu überzeugen. Wo Menschen treu sind und anderen gerne dienen, wird Gottes Liebe, Gnade und Kraft sichtbar.


Sonntag, 28. Juni 2015

Der Gott der Bibel und die Logik

In der kommenden Zeit möchte ich mich hier mit der biblischen Lehre von Gott, also der Gotteslehre oder sogenannten „Allgemeinen Theologie“ beschäftigen. Bevor wir dazu aber näher in die Bibel schauen, wollen wir zunächst fragen, warum es vernünftig ist, an Gott zu glauben. Wir werden dazu eine Reihe von Argumenten für die Existenz Gottes betrachten. Man spricht dabei auch von „Gottesbeweisen“. Dabei werden wir uns mit vielen guten Argumenten befassen, welche zusammen betrachtet sehr stark dafür sprechen, dass der Glaube an Gott vernünftig ist.

Bevor wir die Gesetze der Logik anschauen und diese Argumente untersuchen, möchte ich mal ganz grundlegend nach dem Ursprung der Logik fragen. Ich würde nämlich sagen, dass schon allein die Tatsache, dass so etwas wie die Gesetze der Logik existieren, ein starkes Argument für Gott ist. Ein Gesetz der Logik ist zum Beispiel, dass a nicht zugleich Nicht-a sein kann. Ein Baum kann also nicht gleichzeitig ein Baum und ein Nicht-Baum sein. Dieses Gesetz der Logik ist universal gültig: Es gilt zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder Kultur und in jeder Sprache. Es ist ungefähr so wie ein Naturgesetz. Der Apfel fällt auch überall vom Baum nach unten auf den Boden und fliegt nicht in die Luft. Das hat mit der Schwerkraft zu tun und ist ein Naturgesetz. Dieses Naturgesetz ist auch dort gültig, wo es noch niemand in Worte gefasst hat – es geschieht einfach und kann beobachtet werden. Dasselbe gilt auch für die Gesetze der Logik. Sie sind einfach immer und überall gültig.

Doch irgendwoher muss dieses Gesetz kommen – es muss einen Ursprung haben. Es kann nicht von Menschen erfunden worden sein, denn es ist auch dort gültig, wo gerade kein Mensch ist. Menschen haben es entdeckt, erforscht und formuliert. Aber dass es gültig ist, kommt ja nicht vom Menschen. Also muss es einen intelligenten Gesetzgeber geben, der dieses Gesetz geschaffen hat. Es gibt viele Atheisten, die sehr gut darin sind, die Gesetze der Logik anzuwenden. Viele sind darin besser als ich und viele andere Christen. Aber kein Atheist kann erklären, warum diese Gesetze gültig sind. Er muss auf etwas zurückgreifen, was dieser Gott geschaffen hat, dessen Existenz er zu leugnen versucht.

Aus diesem Grund wird die Argumentation gegen Gott unhaltbar – insbesondere dann, wenn dann der Atheist meint, alles sei nur Materie. Die Gesetze der Logik sind immateriell – sie bestehen nicht aus Atomen oder ähnlichen Stoffen. Und trotzdem sind sie immer und überall gültig. Auch die Mathematik beruht auf diesen Gesetzen. Wenn jemand meint, für ihn sei die Logik nicht gültig, den möchte ich am Bankschalter sehen, wenn er von seinem Bankkonto 50€ abhebt und davon nur 5€ bekommt. Spätestens dann wird auch er sich auf die unsichtbaren Gesetze der Logik berufen. Deshalb muss ein Mensch schon seine fünf Sinne verschließen und dazu die Vernunft ausschalten, um die Existenz eines Gesetzgebers der Gesetze der Logik zu leugnen.

Der Narr spricht in seinem Herzen: »Es gibt keinen Gott!« Sie handeln verderblich und begehen abscheulichen Frevel; da ist keiner, der Gutes tut. Gott schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, um zu sehen, ob es einen Verständigen gibt, einen, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen, allesamt verdorben; es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen einzigen! (Psalm 53, 2 – 4)